Noah denkt™ - Die Magie eines ausgewogenen Denkens
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Übertriebene Verrenkungen beim Thema Sterbehilfe

 . Fortsetzung von Seite 1....


  • Viertes Kernargument gegen die Selbsttötung: Mein Leben gehört nicht alleine mir. Ich bin ein soziales
    Wesen, und mein Ich ist auch die Folge des Zuarbeitens, ja der Investitionen anderer. Mithin kann es gar
    nicht anders sein, dass man es diesen anderen Zuarbeitern und Investoren schuldig ist, sich nicht vorzeitig
    und freiwillig aus der Verantwortung zu entziehen. In jedem Fall aber ist klar, dass mein Freitod nicht nur
    meinen Nächsten, sondern auch dem Gemeinwesen einen Schrecken bzw. einen Schock bereitet, zu
    dessen Zumutung ich recht eigentlich nicht legitimiert bin.

All dies ist im Prinzip richtig.  Dennoch kann man die These vom sozialen Menschen nicht lapidar in die
Diskussion werfen, ohne dabei auf die Atomisierung und Entfremdung hinzuweisen, die die turbomoderne
Gesellschaft kennzeichnen.
17,1% der deutschen Bevölkerung leben allein. Die Anzahl der Singlehaushalte an
den Gesamthaushalten beträgt 37,2 %.
Knapp 5 Millionen Erwerbstätige waren im Jahr 2012 Heimarbeiter. Jede
fünfte Frau zwischen 40 und 44 hat keine Kinder. Jede dritte Ehe wird geschieden. Angesichts dieser Zahlen
muss man vorsichtig sein, mit der Annahme, dass überall im Land noch große soziale Nähe und Gemeinsamkeit
zu finden ist. Wenn dem so wäre, würde es sicher nicht so viele Türsteher und Leibwächter geben.  Die Flucht in
eine hochtrabende Verallgemeinerung der sozialen Obligation jedenfalls verbietet sich hier.


  • Fünftes Kernargument gegen die Selbsttötung: Der Freitod ist ein unumkehrbarer Akt, der eine Gewissheit
    voraussetzt, die der Täter auf Grund seines beschränkten Wissens über die Zukunft gar nicht haben
    kann. Mit anderen Worten, es steckt hier ein Element der Anmaßung in seiner Handlung, die nicht nur
    unsittlich, sondern auch unvernünftig, ja möglicherweise sogar krank, ist.

Okay, wir drehen uns hier mit dem Anmaßungshinweis ein wenig im Kreis. Deshalb hätte man dieses Argument
möglicherweise weglassen können. Denn natürlich gibt es jede Menge Entscheidungen, die man im Laufe seines
Lebens treffen muss, die danach nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind. Sicher wird man seine schrecklichsten
Handlungen zu Lebzeiten noch ein wenig korrigieren bzw gutmachen können. Aber auch in diesem Fall bleibt das
Leiden und die Erinnerung an die ursprünglichen Taten.


  • Sechstes Kernargument: Es verträgt sich nicht mit dem Geist des kategorischen Imperativs gegen das
    Gesetz bzw. gegen die konventionelle Haltung gegen den Freitod zu verstoßen.  

Aber wie ist es umgekehrt? Kann es im Sinne des kategorischen Imperativs sein, wegen der Verteidigung
desselben ins Abseits gedrängt zu werden? Sicher nicht. Würde die Maxime unseres Selbsttötungsaktes, also
nicht als Grundlage für ein allgemeines Gesetz taugen? Wir meinen schon.


Schlussbemerkung: Es soll nicht geleugnet werden, dass die konkrete juristisch-administrative Gestaltung einer
offenen Sterbehilfe schwierig und kompliziert ist. Insbesondere dem Wunsch von Jugendlichen, Müttern oder
Vätern nach einer Dignitas-Freitod-Option kann der Staat nicht nachgeben. Das heißt aber nicht, dass es nicht
andere Fälle gibt, wo er genau dies tun sollte. Ja, Noah denkt™ meint sogar, dass es Umstände gibt, wo es
geradezu unsittlich ist, wenn der Staat von seinen Bürgern einerseits erwartet, mit weniger wirtschaftlichem
Protektionismus fertig zu werden, andererseits denselben Bürgern beim Thema Sterbebegleitung aber zu
verstehen gibt, dass er sie eher nicht für fähig hält, das eigene Dasein vernünftig zu handhaben.

Vielleicht könnte man den Konflikt zwischen staatlichem Fürsorgegebot und individueller Eigenverantwortung mit
Hilfe von Prüfungskommission bewältigen, die sich grob am Vorbild der Wehrdienstverweigerungsanhörungen
früherer Jahrzehnte orientieren. In der Tat würde eine solche Kommission wichtige Vorteile bieten. Denn nicht nur
gäbe sie dem einzelnen Todessehnsüchtigen, die Gelegenheit, sich ein letztes Mal formal zu erklären, um dann
mit etwas ruhigerem Wissen einen zivilisierten Freitod sterben zu können. Nein, eine solche Kommission würde
auch dem Staat die Chance bieten, das eine oder andere Leben zu retten, was ansonsten im dunklen Dickicht
des privaten Selbstmords verloren geht. So wie bisher, kann es jedenfalls nicht weitergehen.

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Fußnote *: Man könnte hier auch vom Dignitas-Freitod sprechen. Der Begriff lehnt sich an die bekannten, wohl publizierten und
bisweilen auch kritisch bewerteten Praktiken der Schweizer Selbsthilfeorganisation zur Sterbehilfe an.

Fußnote**: Wir stützen hier auf die wunderbare ethymologische Herleitung des 5. bzw 6. Gebotes durch
Michael Wolfssohn,

Fußnote ***: Siehe dazu den Kommentar von Mt 5, 21 ff unter
http://www.jesus.
ch/information/bibel/bibelstudium/matthaeusevangelium/134642-bibelstudium_matthaeus_52126.html

Fußnote ****: Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos, Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 1959: „Man könnte meinen, der
Selbstmord sei eine Folge der Auflehnung. Aber zu Unrecht. (…) Er ist dank der Zustimmung [zur Absurdität des Daseins, Anmk d.
Verf.], die ihm zugrunde liegt, genau das Gegenteil. (..) Die Auflehnung [aber gegen das Absurde, Anmk d. Verf.] gibt dem Leben
seinen Wert. Erstreckt sie sich über die ganze Dauer einer Existenz, so verleiht sie ihr ihre Größe. (…) Alle Entwertungen können
ihm [dem revoltierenden, stolzen Geist/Menschen, Anmk d. Verf.] nichts anhaben. Diese Zucht, die der Geist sich selber
vorschreibt, dieser gehörig gehämmerte Wille, dieses Aug-in-Aug haben etwas Einzigartiges. Diese Wirklichkeit, deren
Unmenschlichkeit die Größe des Menschen ausmacht, entleeren heißt: gleichzeitig sich selbst entleeren.“
S. 49f

Fußnote ***** :
"Hinter solchen Gefährdungen des Lebens stecken in vielen Fällen lebensverneinende Verhaltensweisen und
Einstellungen. Sie äußern sich vor allem in übertriebenem Anspruchsdenken und blinder Durchsetzung der eigenen Interessen, in
Machbarkeitswahn, in Gleichgültigkeit oder Gewissenlosigkeit. Solche Verhaltensweisen und Einstellungen kommen freilich nicht
von ungefähr und sind nicht immer nur Ausdruck einer besonders verwerflichen Gesinnung. Denn sie hängen häufig wiederum
zusammen mit den verbreiteten Gefühlen von Zukunftsangst und Sinnlosigkeit, mit Vereinsamung und Erfahrungen von
Verlassenheit. Es ist auch kein Zufall, daß die seelischen Erkrankungen erheblich zugenommen haben: Menschen wissen oft nicht,
wozu sie leben. Auch stellt die Konfrontation mit den massiven Bedrohungen des Lebens eine gravierende seelische Belastung
und Störung dar.
(aus :http://www.ekd.de/EKD-Texte/gottistfreund_1989_freund1.html)


Fußnote ***** Siehe: „
Elite kann man kaum lernen“,  Die Welt Online, 09.08.2015
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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Stichworte

moralphilosophische Überlegungen zur Sterbehilfe, Diskussion um das Thema
Sterbehilfe, rechtliche Regelung der Sterbehilfe, rechtliche Regelung der
Freitodbegleitung, würdiges Leben und würdiges Sterben, Interpretation des Fünften
Gebotes, gibt es das Recht auf einen selbstbestimmten Tod