Noah denkt™ - Die Magie eines ausgewogenen Denkens
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Übertriebene Verrenkungen beim Thema Sterbehilfe
Moralphilosophische Betrachtungen zum gesetzgeberischen Bauchtanz um die Frage zivilisierter
Freitodbegleitung, erster Entwurf erstellt am 13.08., veröffentlicht am 27.08.2015
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Am 12.08. hatte Noah denkt™ Gelegenheit, auf dem französischen Parlamentssender
Public Senat die
Wiederausstrahlung eines Kolloquiums zu sehen, das bereits am 19.02.15 stattfand. Thema des Runden
Tisches war die ethische Bewertung der Fragen, die sich um die Sterbehilfe bzw. die Zurverfügungstellung von
Substanzen ranken, die eine Selbsttötung analog des „Dignitas-Freitodes“ in der Schweiz* möglich machen.
Nachdem sich Noah denkt™ bereits
an anderer Stelle für das Recht ausgesprochen hat, in Extremis einen
würdevollen, gut erklärten und selbst gewählten Tod anstreben zu dürfen, bietet das besagte Kolloquium einen
wertvollen Anlass, sich der erneuten Reflexion dieses Themas zu stellen. Allerdings kann Noah denkt™ auch
bei abermaliger Betrachtung der Für und Wider eines Dignitas-Freitodes nicht umhin, zu dem Ergebnis zu
kommen, dass es in den moralphilosophischen Kernargumenten derjenigen, die eine offenere Sterbehilfe
pauschal als unangemessen ansehen, einige Unzulänglichkeiten gibt, die man so nicht stehen lassen kann.
Schauen wir uns diese Kernargumente im Einzelnen an, und stellen wir denselben unsere Thesen gegenüber:

  • Erstes Kernargument zur Ablehnung des Rechtes auf Selbsttötung: „Du sollst nicht töten“.

Kein Zweifel, die moderne christliche Theologie interpretiert das Fünfte (bei Juden / Anglikanern /Reformierten /
Freikirchen / Orthodoxen: das Sechste) Gebot der Zehn Gebote so, dass damit auch die Sterbehilfe, die
Selbsttötung, die Todesstrafe und die Abtreibung berührt wird. Aber es handelt sich hier um eine moderne
Interpretation des betreffenden Gebotes. Im hebräischen Ursprung lautete das 5. bzw. 6. Gebot nicht „Du sollst
nicht töten“, sondern „Lo tirzach“, also „ Du darfst nicht morden“, und intendiert zunächst die Ächtung des
Mordes an einem anderen.  In der ersten griechischen Fassung des Alten Testamentes, der Septuaginta, wird
aus „Lo tirzach“ „οὐ φονεύmσεις“, also „Du wirst nicht morden“, wiederum mit der ersten Absicht, das Morden
eines anderen zu sanktionieren. Erst in der Vulgata beginnt die allmähliche Öffnung des Horizontes dieses
Fünften bzw. Sechsten Gebotes. Denn hier wird aus „Du wirst nicht morden“ „non occides“, also „Du wirst nicht
töten“ **

Dass es aber beim Fünften/Sechsten Gebot ursprünglich um das Morden eines anderen ging, mag man auch
an der Interpretation erkennen, die Jesus Christus selbst dem betreffenden Gebot in der Bergpredigt gegeben
hat. Auch er spricht hier von „Morde nicht“ (vgl, Matthäus 5, 21-26.) Und auch bei ihm kann es wenig Zweifel
geben, dass damit zunächst und zuerst die Ächtung des Mordes an einem anderen gemeint ist***.

„Nun gut“, hören wir da den einen oder anderen sagen. „Es mag ja sein, dass bei der Formulierung von „Lo
tirzach“ zunächst an den Mord an einem anderen gedacht wurde, aber das bedeutet ja nicht, dass damit der
Selbstmord nicht mehr dem Fünften Gebot subsumiert werden kann.  Denn auch wenn Jesus Christus den
Selbstmord nicht ausdrücklich erwähnt hat, so ist es doch nur vernünftig anzunehmen, dass derselbe für ihn
derart inakzeptabel war, dass es keiner ausdrücklichen Subsumierung desselben unter das Fünfte Gebot
bedurfte, um die Ächtung einer solchen Tat auszudrücken.“  Und dieser Einwurf ist in der Tat berechtigt.
Allerdings zeigt ein Blick in die Bibel auch, dass Altes und Neues Testament durchaus ambivalente Positionen
zum Suizid beziehen. Mal wird die Selbsttötung in der Heiligen Schrift, wie im Falle des Rasi (2Makk 14,41-46),
des Ptolemäus Makron (2Makk 10,12-13) und des Simson (Ri 16,28-31) mit Empathie und Hochachtung
bewertet. Mal wird der Suizid, wie etwa im Falle des Saul (1Sam 31,4-13 par 1Chr 10,4-14) eher negativ
gesehen, und mal wird er, wie im Falle Abimelech (Ri 9,50-56), Ahitofel (2Sam 17,23), Eleasar (1Makk 6,43-
46), und Judas Iskariot (Mt 27, 5), nicht weiter bewertet ****. Generell wird man sich wohl dem Urteil des Diplom-
Theologe
Joachim Lauer auf Bibelwissenschaft.de anschließen müssen, der die Quellenlage so
zusammenfasst:

„Weder Altes noch Neues Testament verbieten oder verurteilen den Suizid ausdrücklich und eindeutig. Die
biblischen Schriften berichten von den unterschiedlichsten Möglichkeiten der Selbsttötung. Die Akte werden in
allen Stellen meist einfach zur Kenntnis genommen. Neben der Verherrlichung finden sich auch negative
Urteile, insgesamt jedoch werten Altes und Neues Testament suizidales Handeln kaum. Entscheidend sind
Umstände und Intention. Insofern scheint das biblische Ethos den Suizid als tragisches Lebensschicksal zu
tolerieren, vor allem in der Form des uneigennützigen Selbstopfers.“


  • Zweites Kernargument zur Ächtung des Freitodes: Das Erleben und Durchleben des eigenen natürlichen
    Todes ist vielleicht der wesentlichste Akt menschlicher Würde bzw. der Nachfolge Christi. Erst im
    Durchleben dieser letzten Etappe vervollkommnet sich die Menschwerdung, da sie in diesem Prozess mit
    der Unausweichlichkeit des existenziellen Übergangs unmittelbar und konkret befasst ist und nur darin
    seinen wahren Frieden kann.

In dieser Meinung stimmen sowohl die christliche Theologie, als auch der atheistische Existenzialismus eines
Albert Camus überein*****. Und es kann keinen Zweifel geben, dass die Geister hinter Noah denkt™ sich für
sich selbst genau dieses letzte Aug-in-Aug mit der Schöpfung, also mit dem natürlichen Tod wünschen.
Allerdings kann es wohl nicht angehen, dass man den Wunsch nach einem natürlichen Tod so absolut setzt,
dass man wesentliche Daseinshärten vorher geschickt umwandert, nur um diesen natürlichen Tod dann auch
erleben zu können. Denn wenn es tatsächlich so wäre, wie dies oben suggeriert wird, und das Durchleben
eines natürlichen Todes die wichtigste und unverzichtbarste Komponente einer menschlichen Friedensfindung
wäre, nun dann könnte man es sich ja bei all den vielen alltäglichen, ethischen Konflikten, die ein langes
Menschenleben mit sich bringt, bequem machen, und alles auf die letzte Sterbenskarte setzen. Eine solche
Herangehensweise ist sicher nicht im Sinne des Herrn.

Nein, wer sein Menschsein vollenden, seinen Frieden finden, und Christus‘ Kreuz auf sich nehmen will, der wird
schon zu Lebzeiten und vor dem Sterben allerlei existenziell-ethische Weiche gestellt haben müssen. Und wenn
ihn sein aufrechter, existenziell-christliche Gang, dann irgendwann zu dem Knackpunkt führt, wo man ihn in
früheren Jahrhunderten zum Märtyrer gemacht hätte, dann wird er feststellen, dass man ihn in der
humanistischen Neuzeit nur ins soziale Minijob-Abseits drängt, wo man ihn eher widerwillig mit dem Nötigsten zu
alimentieren bereit ist. In dieser Situation der Marginalisierung aber kann es durchaus sein, dass sich unser
aufrechte Existenzialist/Christ dazu entscheidet, lieber die Tötung an sich selbst zu vollenden, die der
neuzeitliche Westen mit seinem blasierten Liebesentzug bereits eingeleitet hat. Denn im unverstandenen, nicht
anerkannten Vegetieren wird auch der natürliche Tod wohl nicht mehr den Frieden bringen, den man sich von
ihm ansonsten mit Fug und Recht erwarten kann. Denn zu verkümmert ist die Existenz in diesem Fall, als dass
sie sich jetzt noch erhaben und ohne Gram über sich würde erheben können.

Nun wird natürlich nicht jeder verstehen, wieso ein aufrechter, kategorisch-imperativer Gang in der offenen
Gesellschaft mit ihren mannigfaltigen Möglichkeiten unweigerlich ins Sozialhilfe-/Bettlerdasein führen muss.
„Denn ein an Herz und Verstand Gebildeter“, so wird der eine oder andere sagen, „wird doch immer noch ein
Auskommen - sei es als Diakon, Taxifahrer oder Nachtportier - finden können.“

Denen aber, die so denken, sei gesagt, dass Bescheidenheit nicht immer auch Ehrlichkeit, und Demut nicht
immer gleich mit Frieden zu setzen ist. Denn bisweilen wird es auch einmal die Grundsätzlichkeit sein, die sich
zur Demut gesellen muss, damit daraus ein Friede werden kann. Anders gesagt, wer alle Frustration, die ihm
seine Bescheidenheit schafft, mit Beharrlichkeit weg atmen will, der wird auch nicht offenen und sehenden
Auges den letzten Moment durchleben können. Denn dazu braucht es auch ein Element der Courage, die ein
duldsames Darben schlechterdings nicht hat.

Zugegeben, das alles klingt  ein wenig abstrakt. Deshalb sei es uns an dieser Stelle erlaubt, am konkreten,
eigenen Beispiel zu illustrieren, was diese soeben erwähnte Notwendigkeit zum Verwerfen der Bescheidenheit
bedeutet. Denn der Mastermind von Noah denkt™ war sich in seinem früheren Erwerbsleben für nichts zu
schade. Er hat im städtischen Klärwerk gejobbt; sein Studium hat er sich durch Zeitungtragen mitverdient. Und
später hat er sich als Fabrikarbeiter im Drei-Schicht-Betrieb verdingt. Irgendwann aber kommt der Moment, da
man nicht mehr hinter sich zurückgehen und sich unter Wert verkaufen kann. Denn dann will man das sein,
was man ist. Das ist man sich und seiner Schöpfung schuldig. Und keine noch so große Demut und
Bescheidenheit kann dieser Verpflichtung im Wege stehen. Eine Weigerung aber, dieses Bedürfnis zu
durchleben, sich für das, was man glaubt, zu sein, anerkannt zu wissen, dürfte in etwa dieselben
unvollkommenen Konsequenzen nach sich ziehen, wie auch das Nichtdurchleben des eigenen, natürlichen
Todes.

Aber verstehen Sie uns bitte nicht falsch. Natürlich erwarten wir von niemandem, dass er uns die Möglichkeit
gibt, von unserer schriftstellerischen Arbeit zu leben. Wir erwarten lediglich, dass man uns eine zivilisierte
Lösung bietet, die Erfolgslosigkeit nicht bis zur Neige auslöffeln zu müssen.

  • Drittes Kernargument zur Ächtung des Freitodes: Oft steht hinter dem Freitod ein übertriebenes
    Anspruchsdenken******

Im Bezug auf das Anerkennungsbedürfnis des nicht anerkannten Philosophseins könnte man diesen Anhalt
auch so übersetzen: Wenn sich für den Möchtegernphilosoph weder im Markt, noch in den dafür vorgesehenen
Institutionen der Erfolg bzw die Anerkennung einstellt, dann ist dies ein sicherer Hinweis darauf, dass dieser
Erfolg und diese Anerkennung auch nicht verdient ist. Und in diesem Fall wird man in der Tat sagen müssen,
dass das selbstzerstörerische Leiden am Ausbleiben der Anerkennung einem überhöhten Anspruchsdenken
gleichkommt. Aber ist es wirklich so einfach? Alle wissen, dass der Markt ein Massenmarkt ist, und dass es
nicht wenig mit Zufall, Glück, und Erscheinungsbild zu tun hat, ob ein Angebot darin erhört wird, oder nicht.  
Und seit
Michael Hartmann wissen wir auch, dass allerhand periphere Aspekte jenseits der individuellen
Leistung zusammenkommen müssen, damit der Durchbruch in die Elite gelingt. Sicher ist nicht jeder, der dies
von sich behauptet, ein Galilei Galileo. Bei weitem nicht.  Aber bisweilen landet auch mal jemand auf dem
Scheiterhaufen, der das so nicht verdient hat.  ......

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Stichworte

moralphilosophische Überlegungen zur Sterbehilfe, Diskussion um das Thema
Sterbehilfe, rechtliche Regelung der Sterbehilfe, rechtliche Regelung der
Freitodbegleitung, würdiges Leben und würdiges Sterben, Interpretation des Fünften
Gebotes, Gibt es das Recht auf einen selbstbestimmten Tod?