Noah denkt™  -
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Rent-a-friend, oder die Melancholie der Einsamkeit
Dialog mit dem Alter Ego über das im Titel erwähnte Unternehmen, erster Entwurf erstellt am 19.08.,
veröffentlicht am 20.08.2010
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Frage vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Nachdem es bereits allerhand Partnerschaftsvermittlungsfirmen im
Internet gibt, hat jetzt auch ein Unternehmen den Schritt  nach Europa gewagt, das eine Art Mietservice für
Menschen anbietet, die auf der Suche nach Freundschaft und Gesellschaft sind. Hat Noah denkt™ schon mal
von Rent-a-Friend gehört?
Antwort von Noah denkt™ (Nd): Ja, wir haben darüber in „Le Monde“ (Ausgabe vom 18.08.2010) gelesen.

AE: Was hält Noah denkt™ von diesem Geschäftsmodell?
Nd: Es überrascht uns, dass die Kommerzialisierung der sozialen Beziehung schon so weit fortgeschritten ist.

AE: Ist das nicht bedenklich, wenn es eine Klientel geben sollte, die den Eindruck hat, sich Ihre Freunde im
Internet mieten zu müssen?
Nd: Es ist richtig, dass hiermit eine neue Dimension des gesellschaftlichen Miteinanders erreicht ist. Allerdings ist
es nur selbstverständlich, dass die Kommerzialisierung der sozialen Beziehungen zunimmt. Immerhin ist es ja
immer schon so gewesen, dass in die Entwicklung von Freundschafts- und Liebesbeziehungen auch eine gewisse
Nutzenkalkulation eingeflossen ist. Daher ist gegen den Umstand, dass man sich zu diesem persönlichen
Nutzenkalkül nun auch offen bekennt, recht eigentlich gar nichts einzuwenden.

AE: Nun ist es allerdings auch so, dass nicht jede Aktivität im nichtgewerblichen Freundes-, Nachbarschafts- und
Verwandtenkreis gleich mit barer Münze abgerechnet wird. Vielmehr orientiert man sich hier an losen reziproken
Erwartungen, die vor allem darauf ausgerichtet sind, im Falle akuter Notlagen auf eine unmittelbare
Hilfsbereitschaft bauen zu können. Davon aber, sich auch in schweren Situation auf den Nächsten verlassen zu
können, davon sind „Rent-a-Friend“-Konzepte weit entfernt. Wird man hier also nicht kritisieren müssen, dass mit
solchen gewerblichen Angeboten das unmittelbare Netz sozialer Bindungen und Verbindlichkeiten ausgehöhlt
wird?
Nd: Na ja, wenn dieses Netz nicht heute schon ausgehöhlt wäre, dann würde nicht so mancher im Internet nach
einem Partner Ausschau halten müssen, oder?

AE: Aber kann man es dennoch gut heißen, wenn die wenigen noch bestehenden sozialen Biotope  weiter
trocken gelegt werden?
Nd: Die zunehmende Vereinsamung ist eine natürliche Folgewirkung des technischen Fortschrittes, der uns
einerseits mehr individuellen Gestaltungsspielraum gibt, und der  andererseits die Abhängigkeit vom physisch
Nächsten reduziert. Denn heute brauch niemand mehr seinen Nachbarn, um sich mit ihm die Zeit zu vertreiben.
Derlei Dinge kann man nun viel besser mit Hilfe professioneller Medien erledigen.

AE: Noah denkt™ meint also, dass die Vereinsamung von den Vereinsamten auch mehr oder weniger so gewollt
ist?
Nd: Wir denken schon. Natürlich hat diese Vereinsamung eine melancholische Kehrseite. Natürlich vermisst man
hier mehr und mehr die selbstverständliche Einigkeit mit einem Anderen, welche scheinbar nur aus Liebe und
Uneigennützigkeit gewährt wird. Trotzdem fällt es auch diesen Vereinsamten zunehmend schwer, die
Behaglichkeit ihrer Selbstbestimmung aufzugeben, um sich stattdessen der stets neu zu verhandelnden
Teamdisziplin einer so genannten Gemeinschaft unterzuordnen zu können. Nicht selten nämlich müssen die
Vereinsamten in solchen Fällen erkennen,, dass auch in diesen ach so herbeigesehnten Gemeinschaften eine
merkwürdige Sprachlosigkeit herrscht, die all den Aufwand kaum rechtfertigen kann, der zur Herbeiführung des
Zusammenseins investiert werden musste.

AE: Ist es also tatsächlich so, dass wir, die Menschen, am Ende nur vereinzelte Raumschiffe sind, die allein und
verloren durch das dunkle Universum der Ratlosigkeit treiben?
Nd: Ja, wahrscheinlich ist das so. Wahrscheinlich können wir nur phasenweise an andere Raumschiffe andocken,
um dann in einem eher kurzen Parallelflug eine Atempause von der Einsamkeit einzulegen.

AE: Was ist der Grund für diese soziale Behinderung des Menschen?
Nd: Es ist der Umstand, dass wir alle unsere eigene Hinterwelt haben, die von einem anderen Wesen, wenn
überhaupt, nur ansatzweise verstanden werden kann.

AE: Nun haben frühere Gesellschaften es ja durchaus geschafft, eine Gemeinsamkeit herzustellen, von der die
ganz Alten bis heute noch schwärmen.
Nd: Ja, in der Tat hat es früher diese Gemeinschaft geben, die in ihrem Kern allerdings eine Leidensgemeinschaft
war. Denn diese Gemeinschaften entwickelten sich zumeist vor dem Hintergrund einer gemeinsam geteilten Angst
etwa vor Armut und Not, oder, was damit  gleichbedeutend ist, aus Furcht vor streng strafenden Autoritäten.
Einen Rückfall in diese blutrünstigen und kriegerischen Zeiten, die in der Tat ein beseeltes Feiern möglich
gemacht haben, würde Noah denkt™ aber als schrecklich und äußerst unwillkommen ansehen.

AE: Sollte man deshalb „ja“ sagen zur Melancholie der Einsamkeit?
Nd: Das sollte man wohl. Und vor allem sollte man sich nicht vormachen, dass man seine Einsamkeit mit
gemieteten Freunden wird überwinden können.

AE: Mit anderen Worten, das Geschäftsmodell von Rent-a-Friend ist abwegig?
Nd: Uns wird’s sicher nichts bringen. Aber, ob andere dazu bereit sind, für derlei Angebote dauerhaft Geld
auszugeben, das können wir nicht beurteilen. Dafür sind uns diese Anderen mittlerweile zu fremd geworden.
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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Stichworte:

das Geschäftsmodell von Rent-a-Friend, die Vereinzelung der Individuen, gewerbliche Angebote
gegen die Einsamkeit
, Kommerzialisierung der sozialen Beziehungen,
Vereinsamung der Individuen,
Partnervermittlung im Internet, Atomisierung der Gesellschaft