Noah denkt™ - Die Magie eines ausgewogenen Denkens
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Wie kann es mit den Poeten weitergehen?
Dialog mit dem Alter Ego über Thomas Manns Erzählung Tonio Kröger, erster Entwurf erstellt am 20.05., veröffentlicht
am 21.05.14
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    Alle Erkenntnis ist alt und langweilig. Sprechen Sie eine Wahrheit aus, an deren Eroberung und Besitz
    Sie vielleicht eine gewisse jugendliche Freude haben, und man wird Ihre ordinäre Aufgeklärtheit mit
    einem ganz kurzen Entlassen der Luft durch die Nase beantworten... Ach ja, die Literatur macht müde...
    Thomas Mann, Tonio Kröger, 1903, 48. Aufl, 2014, S. 37


Frage vom Alter Ego von Noah denkt (AE): Wir haben nun endlich Tonio Kröger von Thomas Mann gelesen. Und wir
sind begeistert von der Eindringlichkeit, mit der hier das Ringen des Poeten um ein machbares Verhältnis zum
normalen bürgerlichen Dasein beschrieben wird. Vor allem rührt uns die Müdigkeit und Ratlosigkeit an, mit der unser
Poet dem eigenen Gewerbe gegenübersteht. Denn schon im Jahre 1903 scheint der Eindruck vorhanden gewesen zu
sein, dass die wichtigsten Fragen abgehandelt, und der Kern des Dasein erläutert ist. Wenn es nun aber vor mehr als
hundert Jahren schon so war, dass das Meiste gesagt ist, dann stellt sich in unserer Blogger-Zeit noch viel mehr die
Frage, wie es denn für die Poeten darin weitergehen kann? Mit anderen Worten, kann es für mehr Bürger- und
Künstlerbeschreibungen noch einen ehrlichen Platz geben? Und kann das noch schönere Sagen des schon vielmals
Wiederholten jetzt noch eine wahre Perspektive geben?

Antwort von Noah denkt (Nd): Die Frage ist berechtigt. Denn auch, wenn Tonio Kröger schon auf Seite 38 darauf
hinweist, dass "das Leben noch fortfahren mag", und mithin neuen literarischen Wiederholungs- und
Erweiterungsbedarf schaffen wird, so bleibt doch zweifelhaft, ob es für dieses zusätzliche Kreisedrehen immerdar
genügend große Aufmerksamkeit geben wird.  

AE: Kann es also sein, dass es den Poeten nicht anders, als
den Journalisten gehen wird, die ebenfalls ihr
angestammtes Metier mächtig schrumpfen sehen?

Nd: In jedem Fall ist auch bei den Poeten eine Innovationskraft gefordert, die das übersteigt, was man früher von ihnen
verlangt hat. Denn nun reicht es ja nicht mehr aus, eine lehrreiche Geschichte hübsch zu erzählen, - nein, jetzt wird
man dafür auch noch den Markt eigenhändig finden müssen (etwa mit Direktpublishing). Dies aber bedeutet, dass der
Nutzen und die Lehren der ultramodernen Poesie, so unmittelbar evident und konkret sein müssen,  dass es keines
langen Erklärens und Beschreibens mehr bedarf, um derselben Alleinstellungsmerkmal deutlich zu machen. Wir
empfehlen daher den Poeten dasselbe,
was wir bereits den Philosophen angeraten haben, nämlich es mit derjenigen
Analyse zu versuchen, deren Wahrheit sich alsbald auch im Klingelbeutel der Nutzer bemerkbar macht.

AE: Die Rede ist hier von poetischen Wirtschafts- und Daseinsprognosen?

Nd: So ist es!

AE: Wie kann derart profane Marktspekulation jemals eine dichterische Qualität haben?

Nd: In dem es dem Autor gelingt, dass nicht unmittelbar Greifbare, was jeder vernünftigen Analyse zu Grunde legt, so
wunderlich sichtbar zu machen, dass es auch den Skeptischen nicht mehr gelingen mag, noch treffenderen Worte zu
finden, um das Gegenteil zu behaupten.

AE: Wie soll das möglich sein, wenn es den Poeten doch nicht selten vor allem darum geht, das eigene Dasein
angemessen zu lamentieren?

Nd: Nun die Selbstbetrachtung ist wohl die wesentlichste Voraussetzung dafür, die der Anderen auch ordentlich
durchdringen und dann auch vorwegnehmen zu können.

AE: Bleibt noch die Frage, was denn das Schöngeistige mit dem oft rüden Wirtschaftsgeschehen gemeinsam hat?

Nd: Auch im Handelsgeschehen sind Menschen am Werk. Auch hier spielen Halbherzigkeiten, Missverständnisse und
bisweilen auch die Liebe eine gehörige Rolle. Und so wird denn auch hier das Existenzrisiko dieselbe vorherrschende
Bedeutung haben, die auch den Poeten in der Nacht umhertreibt. - Aber genug jetzt der heiligen Worte.
Wir haben
derlei Dinge, vielleicht in nicht so anmutigen Worten, bereits in unserer Gründungsakte dargelegt. Und so macht es
hier also wenig Sinn, das Ewiggleiche erneut zu wiederholen.

AE: Das Ewiggleiche ist gar kein Problem. Immerhin hat ja schon Campino von den Toten Hosen seinerzeit gesagt,
dass es nun mal nur die wenigen Akkorde in der Musik gibt, mit der man Lieder produzieren kann
.
Nd: Sicher. Nur Verkaufen müssen sie sich noch....
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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Stichworte:

berufliche Perspektive der Literaten, berufliche Perspektive der Schriftsteller,
berufliche Perspektive der Poeten, Zukunft der Poesie, Zukunft des literarischen
Gewerbes, Arbeitsbedingungen der Schriftsteller, Tonio Kroeger