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Zur Verteidigung der Leerverkäufer, Teil II
Weitere Anmerkungen zur Kritik am Spekulantentum, erstellt und veröffentlicht am 03.06.2010
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Zum Thema Short-Selling gibt es derart viel Unverständnis, dass wir uns einen zweiten Versuch zur Verteidigung
dieser Praxis nicht ersparen können.

1) Short-Selling ist als Korrektiv in einem Bullenmarkt unverzichtbar.

Finanzdienstleiter neigen in der Regel dazu, die Dinge schöner darzustellen, als sie wirklich sind. So ist es etwa
kein Geheimnis, dass Analystenabteilungen von Banken Schwierigkeiten haben, Verkaufsempfehlungen über
eine Aktie auszusprechen, die von ihrem Haus gezeichnet worden ist. Um diesen immanenten Hang zur Rosigkeit
auszugleichen, spielen Leerverkäufer eine wichtige Rolle.

2)  Wer keine Aktien besitzt, kann zwar auf steigende Kurse „wetten“, in dem er Aktien kauft. Die Erwartung  
fallender Kurse aber, die kann er im Markt nur über Leerverkäufe realisieren.

Tatsächlich ist nicht einzusehen, warum es für eine angemessene Preisbildung gut sein soll, auf Ahnungen,
Detailkenntnisse, Sonderinformationen oder Eindrücke zu verzichten, die von Leuten entwickelt werden, welche
fallende Kurse für wahrscheinlich halten. Wer Leerverkäufe verbietet, behindert also die angemessene
Zurkenntnisnahme aller im Markt vorhandenen Ansichten zu einem bestimmten Handelsgut. Das kann schon aus
Gründen der Fairness, des Ausgleichs und der Gerechtigkeit nicht hilfreich sein.

3) Wer Leerverkäufe tätigt, braucht einen, der bereit ist, ihm die verkauften Aktien zur Verfügung zu stellen.
Dieser Letztere aber wird die Aktien nur dann dem Leerverkäufer überlassen, wenn ihm dies als sinnvoll und
profitabel erscheint. Mit anderen Worten, er wird den Leerverkäufer nur dann beliefern, wenn er dessen
Spekulation nicht oder nicht mir der gleichen Vehemenz teilen kann. Es gibt hier also ein ausgleichendes
Element, dass einer ungebremsten Bärenmarktdynamik so nicht zuträglich ist.

4) Die Frage, ob es tatsächlich die Leerverkäufe gewesen sind, die den Run auf den Aktienkurs der dann
untergegangenen Lehman-Bank ausgelöst haben, ist nach unserem Kenntnisstand auch von der Wissenschaft
nicht eindeutig beantwortet.

Fakt ist, dass es seinerzeit ohnehin einen enormen Verkaufsdruck auf die überschuldete Lehman-Bank gegeben
hätte. Und Fakt ist es auch, dass es nur recht und billig ist, wenn ein Unternehmen dafür bluten muss, wenn es
sich mit seiner Strategie auf derart eklatante Weise vergaloppiert hat, wie dies bei der Lehman-Bank und
anderen der Fall gewesen ist.

5) Wenn es zu Bären- und Bullenmarktblasen kommt, dann hat das vor allem damit zu tun,
dass es den
Menschen in unseren modernen Gesellschaften immer mehr an Rückrat und kritischer Distanz zur herrschenden
Mehrheitsmeinung fehlt. Dieses Problem aber kann man nicht dadurch lösen, dass man die Ursache am Symptom
zu kurieren versucht.

Tatsächlich hat Noah denkt™ schon häufiger darauf hingewiesen,
dass Reputation und Anerkanntsein in den
modernen Gesellschaften überbewertet sind. Solange es aber so ist, und Nichtanerkannte gar keine echte
Chance haben, überhaupt wahrgenommen zu werden, solange muss man sich über die übertriebenen
Blasenbildungen in der Wirtschaft auch nicht wundern.

6) Aus dem soeben gesagten folgt auch,
dass es tatsächlich zuviel mittelmässige Spekulation gibt. Dieses
Problem aber ist keineswegs nur bei den Leerverkäufern anzutreffen. Das gilt unter anderem auch für die
Bullenmarktzocker, für  Politikverkäufer und für Talk-Show-Veteranen.

7) Wer tatsächlich Arbeitsplätze schaffen will, der wird nicht die, die das tun, nämlich z.B. Hedgefonds, die mit
Leerverkaufsstrategien arbeiten, bestrafen dürfen. Denn immerhin wird hier ja wirklich versucht,
unternehmerische Initiative zu zeigen, die sich überdies
unumwunden der Gefahr des eigenen Scheiterns stellt.
Dieses Letztere ist anderswo so selbstverständlich nicht der Fall.

Es ist nun mal so, dass es in unseren modernen Gesellschaften allerhand Menschen gibt, die sich weder zum
Bauarbeiter, Brückenbauer, Zahnarzt oder Kellner eignen,
sondern die allein mit der Kraft der eigenen
Deutungsfähigkeit überleben können. Wer alle diese Leute, die ausser Deuten nichts gelernt haben, im
Staatsdienst oder in Hartz IV-Projekten unterbringen will, der hat weder die Realität unserer Gesellschaft
begriffen, noch wird er unserer Wirtschaft den entsprechenden Schwung verleihen können.
Eins jedenfalls ist
klar, mit Menschen, die zwar von anderen ungehemmt erwarten, dass sie Arbeitsplätze schaffen, die selbiges für
sich aber niemals im Entferntesten in Betracht ziehen, wird man auf Dauer keinen Staat machen können.

8)  Die Unterscheidung zwischen Finanz- und Realwirtschaft, die so gern in dieser Zeit von Populisten gemacht
wird, ist lächerlich. Warum das so ist,
dass haben wir in unseren früheren Preisbildungshinweisen zu erklären
versucht.

9)
Natürlich ist es schwer, die Freiheit auszuhalten. Wer wüsste das besser, als Noah denkt™. Aber es gibt keine
Alternative dazu. Denn so überfordernd, wie die Freiheit letztlich ist, so überfordert uns auch das Leben selbst.
Denn nicht nur ist dieses Dasein immer wieder von Krankheit, Streit und Angst geprägt, nein am Ende endet es
sogar im Tod. Wir haben auf Grund unseres Soseins, also keine andere Wahl, als zur Überforderung ja zu sagen.
Denn auch der väterlicher Versorgungs- und Wohlfahrtsstaat früherer Provenienz wird am Ende ins Leid und ins
Blutvergiessen führen. Und so werden wir schlussendlich besser bedient sein, wenn wir das fortwährende, aber
gerade deshalb relativ homöopathische Blutvergiessen der Börsenverirrungen hinnehmen, als das sporadische
große Grauen zu ertragen, welches eine wandlungsfeindliche Gesellschaft notgedrungen mit sich bringt.
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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