Noah denkt™ - Die Magie eines ausgewogenen Denkens
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Was würde Thomas Bernhard zum derzeitigen Stand der
Finanzmärkte sagen?
Ein erregter Dialog mit dem Alter Ego, erster Entwurf erstellt am 24.08., veröffentlicht am 30.08.2016
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    Das solipsistische Ich ist ein krankes, gewiss, aber nur als krankes vermag es, so unterstellt Bernhard, die ganze
    Welt in ihrer Krankheit zu erkennen.
    Bernhard Sorg: Thomas Bernhard, München 1992, S. 77


Frage von Noah denkt™ (Nd): Wir haben kürzlich wieder bei Thomas Bernhard (1931-1989) nachgelesen
(„Der Untergeher“, Frankfurt, 1983). Auch mit dem Abstand einiger Jahre verliert sein Werk nichts von der
Brillanz, die es seinerzeit bereits für uns hatte. Sein Thema, sein Urteil, seine Entschlossenheit und seine
Radikalität sind einfach hervorragend und in der modernen Literatur weitgehend unerreicht. Wie immer, wenn
wir Thomas Bernhard lesen, fließt sein Blickwinkel auch in unsere Betrachtung ein, und so kommt es also, das
wir uns derzeit unwillkürlich fragen, was denn Bernhard wohl zum gegenwärtigen Finanzkapitalismus an sich
und dem derzeitigen Stand der Märkte insbesondere sagen würde, wenn er denn heute noch leben und
arbeiten würde?

Antwort vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Nun, die sich unmittelbar aufdrängende Antwort ist ja wohl,
dass er diesen Finanzkapitalismus verachtet hätte, so wie er auch Industrielle, Fabrikanten und andere
Prachtexemplare des Bürgertums verachtet hat. Immerhin geht es ihm doch zunächst darum, die Bedrängnis
darzustellen, in der sich diejenigen befinden, die ob der Reflexion ihres Leidens sowie der Nichtreflexion der sie
umgebenden Nichtleidenden zum Geistesmenschen geworden sind.  In derlei Themenstellung ist ja wohl wenig
Platz für die Wertschätzung eines Denkens, dessen oberste Priorität das Kaufmännische, also das sich selbst
für selbstverständlich Nehmende ist.

Nd: Ja und Nein. Richtig ist, dass sich das Thema Finanzmarkt für Bernhard seinerzeit nicht stellt. Ihm geht
es vor allem um die Aburteilung des österreichisch-deutschen Provinzialismus, der ständischen
Selbstzufriedenheit und der bildungsbürgerlichen Selbstherrlichkeit. Im krachledernen Mief der frühen 80er
Jahre war eben das damals eher angloamerikanische Thema des Finanzkapitalismus noch nicht aktuell. In
diesem Punkt unterscheidet sich Bernhard also
wie selbstverständlich von seinem Zeitgenossen Bret Easton
Ellis, der die Relevanz des (Big Bang-)Finanzmarktkapitalismus schon in den 80er erkannt hat. Heute aber
würde Thomas Bernhard an diesem Wall Street-Phänomen nicht vorbei kommen. Und wenn er sich denn
diesem Thema unvoreingenommen stellen würde, dann würde er hoffentlich
mit uns erkennen, dass dieser
Finanzmarktkapitalismus, nicht nur jeglichen provinziellen Mief überwindet, sondern mittlerweile auch
so hochgezüchtet und hochgedreht ist, dass darin nur noch Geistesmenschen mit Hang zur Selbstzerstörung
einen echten, finanzwirtschaftlichen Mehrwert schaffen können (
siehe dazu auch die Figur des "Onkel Georg" in:
Thomas Bernhard, Auslöschung, Frankfurt, 1986
).  Dass dem so ist, hat etwas mit der Komplexität, der
Umlaufgeschwindigkeit und der Interdependenz von allem zu allem zu tun, die diesen Finanzmarkt stets
umhertreibt. Selbige Turbodynamik kann eben nur von Geistesakrobaten bewältigt werden, deren
philosophische Selbstreflexion so weit fortgeschritten ist, dass ihnen die zum Teil selbstzerstörerische Neigung
ihres Wesens, wie auch der sie umgebenden Welt nicht fremd ist.  Mit anderen Worten, wir glauben, dass sich
der Widerspruch, den Bernhard seinerzeit noch zwischen Industriellen/ Finanzdienstleistern einerseits und
Geistesmenschen andererseits gesehen hat, mittlerweile aufgelöst hat, so dass auch Bernhard, wenn er denn
heute leben und arbeiten würde, sich eher einem Michael Burry oder Steve Eisman (
siehe dazu
Michael Lewis: The Big Short, New York 2010
), als einem Vargas LLosa verbunden fühlen würde.

AE: Eine steile These!. Denn, uns, dem Alter Ego, erscheint es vielmehr, als ob sich Bernhard hier und heute
eher der Daseinsverachtung eines Michel Houellebecqs, als einem konträr gesinnten Boutique-Hedgefonds-
Betreiber verpflichtet fühlen würde.  Immerhin findet bei Houellebecq ja tatsächlich eine Ich-Welt-Reflexion statt.
Bei den Hugh Hendrys unserer Zeit ist es hingegen keineswegs klar, ob ihr philosophisches
Erkenntnisinteresse über Donald Duck hinausreicht. Aber sei es, wie es sei, wir sind bereit einzuräumen, dass
sowohl der Bernhardsche Geistesmensch, als auch der konträr investierende Hedgefonds-Einzelkämpfer ein
gehöriges Maß an akrobatischer Risikobereitschaft, ja Selbstzerstörungsneigung braucht, um seine Arbeit zu
tun.  Mehr noch, wir sind sogar bereit, einzugestehen, dass in beiden Fällen eine ungeheure und emanzipierte
Daseinsdurchdringung nötig ist, die von Status verliebten Prachtexemplaren des Bürgerlichen nicht erreicht
werden kann. Ob das aber bedeutet, dass es sich bei beiden Phänomenen im Kern um ein und dasselbe
handelt, scheint uns durchaus fragwürdig zu sein.

Nd: Mag sein, dass die Realität in diesem Punkt noch nicht so weit ist, wie wir meinen, dass sie in sehr naher
Zukunft sein wird. An der prinzipiellen Richtigkeit unserer These aber, wonach sich im Turbokapitalismus der
Gegensatz zwischen Geistesmensch und Finanz-Daseins-Analyst immer weiter auflöst, halten wir nach wie vor
fest. Und es wäre eine wunderbare Bestätigung unseres Denkens, wenn Thomas Bernhard, der im Übrigen
New York gegenüber durchaus wohlgesinnt war, dies heutzutage genauso sehen würde.

AE: Mal angenommen, es wäre so, was würde Bernhard denn in diesem Fall von den aktuellen Ständen der
Finanzmärkte halten?

Nd: Nun diese aktuellen Höchststände würde er wirklich verachten. Er würde behaupten, dass dieselben nichts
mit unserer sozio-politischen Wirklichkeit zu tun haben, und dass es einzig und allein der betäubenden
Liquiditätsflutung seitens zu wenig leidender Zentralbanker geschuldet ist, dass wir
das Prekäre der
gegenwärtigen Situation so wenig erkennen.

AE: Dem ist in der Tat nichts hinzuzufügen.
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Stichworte:

Thomas Bernhard und der Finanzkapitalismus, Bernhards Geistesmensch als Finanzanalyst, Bernhards
Geistesmensch als Daseinsanalyst, Thomas Bernhard im Vergleich zu Michel Houellebecq und Bret
Easton Ellis, Thomas Bernhard und die Prachtkerle des Bürgertums, wie philosophisch und
selbstreflektierend ist das Leiden der Finanzanalysten