Noah denkt™  -
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Wieviel Keynesianismus geht noch?
Ein Grundsatzpapier zur Lage des Kapitalismus, veroeffentlicht am 07.01.10
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Die gegenwärtige Finanzkrise hat gezeigt, dass es den kontrazyklischen Kräften der öffentlichen Hand immer
schwerer fällt, den Verwerfungen entgegenzusteuern, die von global agierenden Finanzmärkten bisweilen
produziert werden. (Stichwort Griechenland, Ungarn, Litauen etc.) Es muss daher die Frage erlaubt sein, ob es
nach wie vor richtig ist, davon auszugehen, dass es den Staaten auch in Zukunft gelingen wird, jedwede
massenhafte Verirrung zu bewältigen, die sich in einem interdependenten Weltmarkt entwickeln kann. Denn
immerhin wird man ja nicht von der Hand weisen können, dass sich in einem extrem vernetzten Markt auch die
jeweils herrschenden Modemeinungen rasant potenzieren können, so dass es schlieβlich einer geradezu
übermenschlichen Interventionskraft bedarf, um die auf diese Weise entstehenden Tsunamis noch angemessen
abfedern zu können. Wie ausgedehnt aber die Gleichschaltung der Märkte sein kann, und wie verheerend darauf
hin auch die Zerstörung ist, die von einer sich als falsch erweisenden Mehrheitsspekulation ausgehen kann, das
hat die aktuelle Krise geradezu beispielhaft bewiesen. Denn natürlich wird man das Ausmass der gegenwärtigen
Rezession ja insbesondere auch mit der Deckungsgleichkeit erklären können, mit der die weltweiten
Finanzmärkte vor Ausburch der Krise davon ausgegangen sind, dass die amerikanische Volkswirtschaft schon
friedlich weiter wachsen wird, und dass die auf sub-prime Hypotheken basierenden CDOs des amerikanischen
Bankensektors schon das rechte Mittel sind, um diese friedlich Wachstum weiter möglich zu machen.

Nun hat es, und dass soll an dieser Stelle gar nicht verschwiegen werden, die internationale Synchronität der
Börsenkursentwicklung immer schon gegeben. Was aber in der Postmoderne neu hinzu kommt, ist der Umstand,
dass sich der früher schon vorhandene, grenzüberschreitende Mehrheitskonsens jetzt durch eine noch breitere,
weltumspannende Medienvernetzung verstärken und multiplizieren kann, so dass es der jeweiligen Gegenposition
zur herrschenden Mehrheitsauffassung, kaum noch gelingt, sich gegen die weltweite Euphorie der Vielen zu
behaupten. Und wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass die weltweite Interdependenz beständig
zunimmt, dass damit auch die Durchschaubarkeit der Zusammenhänge immer weniger gewährleistet ist, und somit
auch die Versuchung weiter wachsen wird, sich mit einem opportunistischen Konformismus zufrieden zu geben,
dann wird man es schon verstehen können, wenn es nun den einen oder anderen gibt, der sich besorgt fragt, ob
uns denn die Philosophie des Keynesianismus auch in Zukunft noch aus der Bredouille wird befreien können.

Wenn man aber davon ausgeht, dass es der internationalen Koalition der Staaten und ihren Organen immer
schwerer fallen wird, die Verwerfungen auszugleichen, die durch platzende Spekulationsblasen entstehen, dann
wird man daraus nur einen Schluss ziehen können, nämlich den, dass jene Logik falsch ist, die alle
Verantwortung fűr die Bewahrung des volkswirtschaftlichen Gleichgewichts anderen, also insbesondere den
Zentralbanken, den Regierungen, und dem freien Spiel der Kräfte, anlastet, die selbst aber keine andere
Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl empfinden will, als die, innerhalb der Gesetze zwar, aber ansonsten
ohne weitere Hemmung, die eigene Profite zu maximieren.

Nein, wer hier der Wahrheit die Ehre geben will, der wird erkennen müssen, dass es durchaus unfair ist, es allein
den jeweils agierenden Finanzministern und Zentralbankpräsidenten zu überlassen, die Kohlen aus dem Feuer zu
holen, und damit, nebenbei gesagt, auch eine nicht unbeträchtliche Verschuldung der öffentlichen Haushalte zu
verantworten, sondern der wird verstehen müssen, dass auch er selbst etwas mehr dafür tun muss, dass es zu
diesen Ungleichgewichten gar nicht mehr so häufig kommen kann.

Wie er es aber anstellen muss, damit er seinem privaten Beitrag zur Bewahrung des wirtschaftlichen
Gleichgewichts erbringen kann, das ist so schwer eigentlich nicht. Denn im Kern wird er seiner Verantwortung für
das groβe Ganze schon dadurch gerecht werden können, dass er sich in seinem Gewinnstreben nicht mehr bloss
zum Einhalten des nackten Gesetzestextes aufgerufen fühlt, sondern nun auch so agiert, dass er niemand
anderem etwas antun wird, was er an sich selbst nicht verbrochen wissen will. Denn, wenn ein Unternehmer sich
diesem Grundsatz verpflichtet fühlt, und es ihm ehrlich um eine Umsetzung des kategorischen Imperativs geht,
dann wird er in jeder seiner Handlungen schon nach einem Ausgleich der Interessen streben, der seinerseits
wieder das Seinige dafür tun wird, dass es zu einem groβem volkswirtschaftlichen Ungleichgewicht immer seltener
kommen kann.

Tatsächlich wird man nämlich im Nachgang zur gegenwärtigen Krise ohne weiteres feststellen können, dass es zu
derselben gar nicht erst gekommen wäre, wenn sich die relevanten Beteiligten an den Geist des kategorischen
Imperativs gehalten hätten. Denn nicht nur hätte es sich in diesem Fall kein Hypothekenverkäufer erlaubt, einem
unerfahrenen Anderen eine sub-prime Kontrakt anzudrehen, von dem er schon zum Zeitpunkt des Verkaufes
wusste, dass letzterer die eingegangene Schuld niemals würde aus eigenen Mitteln begleichen können, sondern
es hätte űberdies auch keinen Investmentbank-CEO gegeben, der es zugelassen hätte, dass in seinem Haus mit
komplexen CDOs gehandelt wird, deren Architektur er selber nicht verstanden hat.

Nun wird man natürlich kein Prophet sein müssen, um zu erahnen, dass es nicht wenige Unternehmer geben wird,
die gegen die hier formulierte These einwenden werden, das man sich gerade unter den Bedingungen des
Turbowettbewerbs ein kategorisch-imperatives Verhalten nicht mehr erlauben kann. Denn immerhin, so werden
die Betreffenden argumentieren, ist es im Chaos dieses Wettberwerbs doch so, das letztlich keiner mehr in der
Lage ist, darin noch eine wirkliche Konsequenz an den Tag zu legen. Und so meinen sie also, dass es nun auch
keinem Anbieter mehr gelingen kann, für seine Aufrichtigkeit noch eine ausreichende Kompensation zu erfahren.

Denen aber, die so denken, denen wird man sagen müssen, dass gerade umgekehrt ein Schuh draus wird. Denn
in Wahrheit ist es insbesondere die rasante Umlaufgeschwindigkeit des Turbowettbewerbs, die dafür sorgt, dass
kaum einer darin noch einen bleibenden Erfolg haben kann, der sich in seinem Wirtschaften nicht am Geist des
kategorischen Impreativs orientiert hat. Denn zu gross ist die Dekonstruktionsgewalt, mit der dieser
Superwettbewerb Modemeinungen in ihr Gegenteil verkehrt,   Spekulationsblasen aufbaut und zerstört, und zuvor
verheimlichte Lücken in Erfolgsgeschichten aufdeckt und auslotet, als dass man jetzt noch auf die Nachsicht
eines Marktes würde hoffen können, den man zuvor schamlos für sich ausgenutzt hat.

Dass es aber so ist, und man sich in diesem Umfeld kaum noch der Quittung für das eigene Handeln entziehen
kann, das hat vor allem damit zu tun, dass in diesem Superwettbewerb jedwedes Handeln vielfach gespiegelt und
reflektiert wird, so dass am Ende auch dessen Problembeladenheit viel schneller zum Vorschein kommt. (Man
denke hier etwa an die Schnelligkeit, mit der die Gegenargumente geliefert wurden, um die Qualität der „Brigitte“-
Diät in Frage zu stellen. Oder man erinnere sich daran, wie umgehend es den Medien gelungen ist, die
Űberforderung aufzudecken, mit der so manche Hilfsaktion zu kämpfen hatte, als sie die überreichlich flieβenden
Tsunami-Spendengelder verteilen durfte.)

Hinzu kommt, dass die zunehmende Entsolidarisierung, die der Turbowettbewerb schafft, auch mit einer
steigenden Skepsis einhergeht, mit der das Individuum dem jeweils anderen gegenübertritt. Diese Skepsis aber
hat zur Folge, dass nun auch der Zustand des eigenen Ubertölpeltwerdens viel eher als solcher erkannt wird, als
dies früher der Fall war. Denn zu sehr hat man nun im Vorfeld schon einkalkuliert, dass dieser Andere es so
ehrlich wohl doch nicht meinen wird, als das man ihm jetzt noch so ohne weiteres auf den Leim gehen wird.  (Und
wenn es dann wider Erwarten dennoch einmal vorkommen sollte, dass man sich naiv auf eine Abzocker
eingelassen hat, dann wird man ja immer noch einen wohlfeilen „Explosiv“ oder „Akte 99“ – Sendeplatz finden
können, auf dem man die eigene Hilflosigkeit mit aller Entrűstung zur Schau stellen kann.)

Natürlich muss man sich darűber im Klaren sein, das schöne Worte nicht reichen werden, um die Skeptiker von
der Richtigkeit der hier vertretenen Thesen zu überzeugen. So sei es an dieser Stelle also gestattet, einige
konkrete Beispiele vorzutragen, welche die Vermutung erhärten können, dass es in der Tat so ist, wie hier
gesagt, und es niemals zuvor in der Geschichte eine Epoche gegeben hat, in der es wahrscheinlicher gewesen
ist, dass sich eine eindimenesionale Gier selbst zerstört, als dies heute der Fall ist. Denn wahrlich wird man ja nur
an den letztjährigen Untergang der Lehman-Bank, an das nahezu vollständigen Verschwinden des
eigenständigen Investmentbankgeschäftsmodells, an die enorme Marktbereinigung, die es im Bereich der
Hedgefonds gegeben hat, an das tragische Sichverzockens des Herrn Merkle, an die nicht unbeträchtlichen,
geldwerten Verluste, die der Herr Esser durch juristische Folge-Scharmützel nach dem skandalösen
Mannesmannverkauf erdulden muβte, an die Relegation von ehemals stolzen Geschäftsführern (ex-Lehman CEO
Richard Fuld, ex-Merrill Lynch-CEO Charles Prince u.a. ) in die zweite Unternehmensliga, an den Gesichtsverlust
des Herrn von Pierer nach Bekanntwerden der Siemens-Schmiergeldpraxis, an die Enthüllung von
Steuerflüchtlingsidentitäten nach dem Bekanntwerden der Liechtenstein-CD oder auch an das bedrückenden
Ende des Herrn Möllemann nach seiner 18%-Kampagne denken müssen, um einen Beleg dafür zu finden, dass
es diese gewaltige Dekonstruktionskraft des Turbogesellschaft tatsächlich gibt.

Aber selbst einige anekdotische Negativbeispiele werden hier noch kein grundlegendes  Umdenken bei den
Zweiflern einleiten können. Und so hat sich der Autor dieses Artikels dazu entschlosssen, es nun nicht länger
dabei zu belassen, die Gültigkeit seiner These mit Hinweisen auf ein grandioses Scheitern anderer zu belegen,
sondern er will nun auch mit eigenem unternehmerischen Wagemut den Nachweis zu führen, dass eine
konsequente Umsetzung des kategorisch-imperativen Geistes tatsächlich eine höhere materielle Wertschöpfung
erzielen kann. Dazu hat er im Jahre 2007 das Noah denkt™ -Projekt ins Leben gerufen, dass Sie, werter Leser,
auf diese Seiten finden.
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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