Noah denkt™  -
    Projekt für Wirtschaftsbeurteilungen
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Kreative Zerstörer in der Hochfinanz
Dialog mit dem Alter Ego über Pioniere, Kapitalisten und Unternehmer, erster Entwurf erstellt am 13.10.
veröffentlicht am 15.10.2011
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Frage vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Im Gegensatz zu Noah denkt™ scheint Joseph Alois Schumpeter ja
davon auszugehen, dass es einen
Unterschied zwischen dem Begriff des Unternehmers und dem des Kapitalisten
gibt. Muss Noah denkt™ daher nicht seine eigenen Ansichten diesbezüglich revidieren?
Antwort von Noah denkt™ (Nd): Es stimmt wohl, dass bei Schumpeter „Unternehmer“ und „Kapitalist“ keine
Synonyme sind. Denn er definiert den Unternehmer vor allem über dessen Bemühen, etwas Neues
durchzusetzen. Der „Kapitalist“ aber wird nach Schumpeter nicht zunächst davon angetrieben, neue
Möglichkeiten auf wirtschaftlichem Gebiet umzusetzen. Ihm geht’s aus Sicht des Österreichers vielmehr darum,
anderen, also wirklichen Unternehmern, Kredite zur Verfügung zu stellen, um auf diese Weise an deren Erfolg zu
partizipieren und so eine möglichst gute Verzinsung des eigenen Vermögens zu erreichen.
(siehe dazu auch
Fußnote**)

AE: Mit anderer Worten, der Kernunterschied zwischen dem Unternehmer und dem Kapitalisten ist der, dass die
einen, nämlich die Unternehmer, alles riskieren, um ihre Vision umzusetzen, während die anderen, nämlich die
Kapitalisten, eher Besitzstandswahrer sind und folglich ein unternehmerisch anmutendes, existentielles Risiko
eher scheuen.
Nd: So könnte man das auf die Spitze treiben. Und doch meinen wir, dass es auch bei Schumpeter nicht völlig
ausgeschlossen ist, dass es hier und da den einen oder anderen Kapitalisten gibt, der sich mit
unternehmerischem Eifer an die Umsetzung einer neuen Vision macht. Denn wahrscheinlich muss man seine
Begriffsbildung eher phänomenologisch, als kategorisch verstehen. Denn wenn’s andersrum wäre, und er hier in
der Tat eine feststehende Unterscheidung treffen will, dann müsste man ihm in der Tat vorwerfen, dass er den
z.T. hochspekulativen Charakter des Kreditgewerbes nicht verstanden hat. Und so würde man ihm in diesem Fall
auch seine übrige Interpretation nicht abkaufen können. Denn zu sehr hätte er dann einen Kernbereich des
Kapitalismus gar nicht recht begriffen, als dass er diesen jetzt noch angemessen würde deuten können. Nein,
man muss die Schumpetersche Begriffsbildung idealtypisch verstehen. Und so glauben wir denn auch, dass es
letztlich sinnvoller ist, eher zwischen Trittbrettfahrern und Pionieren, als zwischen Kapitalisten und Unternehmer
zu unterscheiden.

AE: Okay, nehmen wir an, Noah denkt™ hat in diesem Punkt recht, kann unser Projekt dann einige Beispiele von
Kapitalisten nennen, denen man durchaus den Schumpeterschen Unternehmerbegriff zubilligen kann? Gibt es
also in der Tat Geldmittelverwalter, die mit existentiellem Risiko Vorhandenes kreativ zerstört haben?
Nd: Na, wie wär’s zum Beispiel mit den Value-Investoren, die in ihren Investmententscheidungen ganz erheblich
gegen den Strom des Üblichen schwimmen? Ist es nicht so, dass Letztere ein existentielles Risiko auf sich
nehmen, um für ihre Überzeugung zu kämpfen, obwohl diese anfänglich nur von einer Minderheit geteilt wird?

AE: Na, ja, wir wollen nicht leugnen, dass diese Investoren mit großem Aufwand zu Werke gehen. Aber wird mit
einem Value Investment wirklich eine kreative Zerstörung geleistet? Schließlich wird ja hier weder einer neuen
Technik zum Durchbruch verholfen, noch sind es in der Regel neue Argumente, die den Kontrarianer zum
Kontrarianer werden lassen.
Nd:  Das stimmt. Aber auch nicht jeder unternehmerische Erfolg wird etwas atemberaubend Neues schaffen. Auch
hier wird es sehr viel Imitation geben, so dass es schon einiger Phantasie bedarf, um in jedem Fall von kreativer
Zerstörung zu sprechen.
(Siehe Fußnote***)

AE: Muss man also nach Schumpeter gar nicht ein so großer Pionier sein, um auch als kreativer Zerstörer zu
gelten?
Nd: Korrekt.

AE: Stimmt es auch, dass Noah denkt™ mehr Wert auf die Inkaufnahme eines wahrlich existentiellen Risikos legt,
als das bei Schumpeter der Fall zu sein scheint?
Nd: Tendenziell ist das wohl richtig. Aber auch bei uns muss man bisweilen etwas großzügig mit den Begriffen
sein.

AE: Dennoch, wir würden das gern genauer verstehen. Würde Noah denkt™ also bereit sein, die seinerzeitige
Entwicklung von Hypothekenbanken, von Investmentbanken, von Hedgefonds, von Wagniskapitalfirmen und von
Direktbanken als Pionierleistung zu verstehen, auch wenn dieser neue Spezialisierungsschritt  nicht immer und in
jedem Fall mit einem persönlichen, existentiellen Risiko verbunden war?
Nd: Durchaus, denn die Gefahr eines ziemlich schmerzlichen Scheitern war ja in allen Fällen für die Erneuerer
durchaus gegeben.

AE: Gibt es denn auf Kapitalseite überhaupt den einen, reinen Pionier, der wie Edison oder
Steve Jobs
tatsächlich gegen alle Widerstände etwas völlig Neues und Unerhörtes geschaffen hat?
Nd: Sicher wird man länger suchen müssen, bis man bei den Geldverschiebern einen solchen Vertreter findet.
Und sicher ist es auch ein Problem des Kapitalismus an sich, dass es die wirklich disruptiven, kreativen Erneuerer
hier so selten gibt. Und doch scheint die Lage nicht aussichtslos zu sein.
Denn in aller Bescheidenheit wird man
doch immerhin sagen können, dass zumindest Noah denkt™ das Potential zu dieser wahren Pioniertat hat.

AE: Gehen wir da nicht einen Schritt zu weit?  Ist es nicht ein bisschen größenwahnsinnig, uns in den
Zusammenhang der Hochfinanz zu bringen?
Nd: Gegenfrage: Wie kann einer, der so streng das wirklich Neue fordert, wie unser Alter Ego dies noch vorhin in
der Diskussion über den Kontrarianer-Mehrwert getan hat, nun so kleinmütig sein, wenn es um die Verteidigung
des eigenen Projektes geht? Würde es nicht ehrlicher sein, sich der Erwartung des wahrhaft Großen auch selbst
zu unterwerfen, die man ansonsten so bereitwillig an andere heranträgt?

AE: Na ja, vielleicht taugen wir einfach nicht zum visionären, kreativen Zerstörer?
Nd: Nun, wer den Mut nicht hat, es wenigstens zu versuchen, der sollte auch aufhören, die Banken dafür zu
kritisieren, dass sie sich vor allem als Besitzstandswahrer gerieren. Denn immerhin versteckt er sich selbst ja
genau so hinter seiner Feigheit, wie die von ihm Gescholtenen das ebenso tun.

AE: Kann sein. Aber hier stehen wir, und wir können nicht anders.
Nd: Na dann, wollen wir jetzt auch nicht weiter insistieren.


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Fußnote**: Diese Abspaltung des Kapitalistenbegriffes von dem des Unternehmer wird übrigens auch von BDI-Präsidenten Keitel
aufgegriffen, wenn
er fälschlicherweise die sog. Realwirtschaft von der Finanzspekulation unterscheidet („Wir spekulieren nicht, wir
produzieren“). Siehe Pressemitteilung des BDI vom 27.09.2011


Fußnote***:  Nach Schumpeter wird man wohl auch dann von kreativer Zerstörung sprechen können, wenn Samsung sich
anschickt, mit einem eigenen Touch-Screen-Telefon das Konzept von Apples iPhone zu kopieren. Denn bereits die Erzeugung
und Durchsetzung neuer Qualitäten von Produkten wird hier als Ausweis unternehmerischer Führerschaft angesehen.
Das Originalzitat dazu lautet wie folgt:

    "Im Erkennen und Durchsetzen neuer Möglichkeiten auf wirtschaftlichem Gebiet liegt das Wesen der Unternehmerschaft.
    Diese wirtschaftliche Führerschaft betätigt sich also mit Aufgaben, die sich in die folgenden Typen fassen lassen:
    - Die Erzeugung und Durchsetzung neuer Produkte oder neuer Qualitäten von Produkten,
    - Die Einführung neuer Produktionsmethoden,
    - Die Schaffung neuer Organisationen (Vertrustung z.B.),
    - Die Erschließung neuer Absatzmärkte,
    - Die Erschließung neuer Bezugsquellen.
    Immer handelt es sich um die Durchsetzung einer anderen als der bisherigen Verwendung nationaler Produktivkräfte,
    darum, daß diesselben ihren bisherigen Verwendungen entzogen und neuen Kombinationen dienstbar gemacht werden."
    Schumpeter: Unternehmer, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Auflage, 1928, S. 483
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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