Noah denkt™ - Die Magie eines ausgewogenen Denkens
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Gibt es für die hohe Literatur eine Zukunft?
Dialog mit dem Alter Ego über die Lage der schöngeistigen Literatur nach Bernhard und Houellebecq, erster
Entwurf erstellt am 31.08., veröffentlicht am 12.07.16
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    "Ich wollte, ein Glas Mineralwasser vor mir, nach 20 Jahren wieder einmal Die Verwirrungen des Zöglings Törless
    von Musil lesen, was mir nicht gelungen ist. Erzählungen ertrage ich nicht mehr, lese eine Seite und bin unfähig,
    weiterzulesen. Beschreibungen ertrage ich nicht mehr. Andererseits war es mir aber auch nicht möglich, mir mit
    Pascal die Zeit zu vertreiben, die Pensées kannte ich alle auswendig und der Gefallen an Pascals Stil erschöpfte
    sich bald. So begnügte ich mich mit der Landschaftsbetrachtung."
    Thomas Bernhard. Der Untergeher, Frankfurt, 1983, S. 85f


Nd: Wir sollten uns einmal die Frage stellen, was mit uns passiert ist, wenn es uns so geht, wie dem Erzähler im
obigen Zitat. Was ist los mit uns, wenn wir die Ruhe und Geduld nicht mehr finden, ein Textangebot, welches
ohne Zweifel zum Kanon der Weltliteratur gehört, auf uns wirken und sich entwickeln zu lassen? Sind wir
übersättigt, haben wir die intellektuelle Neugier verloren, oder geht’s uns einfach nur schlecht?

Antwort vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Thomas Bernhard meint wohl, dass dahinter ein
Lebensüberdruss steht
(siehe dazu Fußnote *), also eine geistige Übersättigung, ein Zuvertrautsein mit dem, was
das intellektuelle Angebot der Welt hergibt.

Nd: Ist das auch die Meinung unseres Alter Egos?

AE: Sicher ist da was dran. Uns geht es etwa mit dem Kino- und Fernsehprogramm bis auf einige Ausnahmen
ähnlich. Wie oft sind wir schon an der Langatmigkeit der Hinführung zum Thema verzweifelt, empfanden die
propagierten Ansichten als vorhersehbar, oder wechselten den Kanal wegen üblicher Gestik und Mimik! Es
kann also sein, dass wir einfach zu viel gesehen und gehört haben. Der Rückzug in die mediale, virtuelle Welt,
egal ob alte oder neuen Medien, ist uns wohl nicht bekommen.

Nd: Noah denkt™ glaubt nicht, dass es am Medienkonsum oder am Überdruss liegt, dass wir diese Leseunlust
verspüren. Schließlich ist es doch so, dass wir für
Houellebecq und Bernhard immer noch die entsprechende
Ruhe und Muße finden, - und das obwohl wir ihre Arbeit recht eigentlich kennen. Was hier abgeht, hängt
unserer Meinung nach damit zusammen, dass die Lage in der digitalen Postmoderne so ernst geworden ist,
dass sich Menschen, wie wir, nur noch denjenigen Texten öffnen können, die diesen Ernst in seiner
Dringlichkeit verstanden und darauf originell und kompetent zu reagieren verstehen. Die alten Meister sind
dazu verständlicherweise meist nicht in der Lage, weil sie das aktuelle Ausmaß der Banalisierung trotz aller
Bemühungen nicht voraus zu erahnen vermochten. Denn wer konnte sich etwa in den 20er Jahren des
vergangenen Jahrhunderts vorstellen, dass dereinst sogar
Zeitungen nicht mehr gedruckt werden. Was aber
die neuen Autoren angeht, so stehen sie schlichtweg vor dem Dilemma, dass mit Bernhard, Easton Ellis und
Houellebecq das Wesentliche gesagt ist, und mithin keine Fortsetzung mehr nötig oder möglich ist.

AE: Wieso soll für die hohe Literatur keine Fortsetzung mehr möglich sein? Immerhin geht das Leben doch
weiter und schreibt folglich auch neue Geschichten.

Nd: Okay, wie soll denn diese Fortsetzung aussehen, wenn bereits Houellebecq in seinen Arbeiten
nachvollziehbar  diagnostiziert, dass es für den Geistesmenschen in der aktuellen Realität nur noch die
Selbsteinweisung in die Psychiatrie („Plateforme“, Flammarion 2001) oder die Hoffnung auf ein genetisches
Reengineering der menschlichen Rasse („Les Particules Élémentaires“, Flammarion 1998) geben kann? Denn
weiter wird man die Schraube ja nicht mehr anziehen können, als dies beim „Untergeher“ (Thomas Bernhard,
1983) oder „American Psycho“ (Bret Easton Ellis, 1991) bereits geschehen ist. Und ein Zurück in die Welt von
„Tonio Kröger“ (Thomas Mann, 1903), in der es für Schöngeistiges immerhin noch eine solide Verlagsindustrie
samt dazugehörigem Publikum gab, wird es nicht mehr geben. Nein, unsere neue individualisierte Welt ist so
indifferent und bruchstückhaft, wie die von „Less than Zero“ (Easton Ellis, Simon & Schuster 1985), so seelen-
und herzlos, wie die von „Post Office“ (Charles Bukowski, Harper Collins 1971), und so gewalttätig, wie die von
„No Country for Old Men“ (Cormac McCarthy, Alfred A Knopf, 2005). Und weder Frédric Beigbeder („99 Francs
“, Éditions Grasset et Fasquelle, 2000), noch Virgenie Despentes („Baise-moi“, Éditions Grasset et Fasquelle,
1999), noch David Foster Wallace („Infinite Jest“, Little Brown and Company, 1996) oder Paul Auster („Sunset
Park“, Henry Holt and Co., 2010) können dazu viel ergänzen.

AE: Bei „Identité“ von Milan Kundera (1998) und „Back to Blood“ von Tom Wolfe (2012) hatte unser Alter Ego
allerdings schon das Gefühl, hier noch was dazu zu lernen.

Nd: Stimmt. Aber beide Arbeiten behandeln spezielle Aspekte der Postmoderne. Ihr Ziel ist es nicht, den
großen Wurf über das Geistesmensch-Dasein abzuliefern. Deshalb gehören sie nur bedingt in die zeitkritische
Reihe, die wir oben angesprochen haben.  

AE: Okay, nehmen wir also an, die hier vertretene Kernthese stimmt, und es kann über die Aussage hinaus,
wonach die hohe Literatur keine Zukunft hat, keine weitere hohe Literatur mehr geben.Was sagt dies dann
über unsere zivilisatorische Zukunft aus?

Nd: Wir wissen es nicht. Natürlich liegt die Vermutung nahe, dass die Misere der Künstler- bzw. Geistesmensch-
Novelle einen Hinweis auf die nicht vorhandene Tragfähigkeit des gegenwärtigen sozio-kulturellen Miteinanders
liefert. Aber eigentlich ermüden uns solche Crash-Vorhersagen, so dass wir selbige hier nicht wiederholen
wollen.

AE: Akzeptiert. Aber was sagt all dies über unseren eigenen belletristischer Versuch aus. Immerhin hat unser
"Businessplan" ja den Anspruch, den Poeten einen neuen, dritten Weg zu zeigen. Und wenn dieser Weg
gelingen sollte, und Geistesmenschen tatsächlich in der Kapitalmarktanalyse eine neue Heimat finden könnten,
dann würde damit ja nicht nur die Houellebecqsche  Selbsteinweisung verhindert, sondern auch der
Schriftstellerarbeit eine neue Perspektive gegeben.  

Nd: Nun ja, ob unser Projekt in der Tat eine gangbare Alternative zum Bernhardschen bzw. Houellebecqschen
Ende ist, bleibt einstweilen abzuwarten. Richtig aber ist, dass auch unsere schöngeistige Arbeit mehr oder
weniger explizit die These vertritt, dass es mit reiner, sich selbst reflektierender Daseinsreflexion in der Literatur
vorbei ist. Denn dazu ist die Luft zum Atmen nicht mehr vorhanden.

AE: Noah denkt™ glaubt also nicht, dass mit seiner Novelle ein neues, vielleicht das letzte Kapitel der hohen
Literatur geschrieben wurde?

Nd: Wir maßen uns nicht an, uns in einen Atemzug mit Bernhard, Camus oder Houellebecq zu setzen. Was wir
hier erbracht haben, war der unschuldige, und vielleicht naive Versuch, einen konstruktiven Ausweg für uns
selbst zu skizzieren. Ob derselbe schriftstellerisch und praktisch gelungen ist, müssen andere entscheiden.


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Fussnote *: „Ich hatte im Grunde kein Klaviervirtuose werden wollen, alles mit dem Mozarteum und seinen Zusammenhängen
war für mich nur ein Vorwand gewesen, um mich aus meiner tatsächlichen Langeweile gegenüber der Welt zu erretten, aus
meinem schon sehr frühen Lebensüberdruss.“ (Thomas Bernhard, Der Untergeher, Frankfurt 1983, S. 82f)
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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Stichworte:

Analyse des Künstlerromans, Analyse der Gattung Künstlernovelle, Zukunft der Künstlernovelle,
Daseinsperspektive für Geistesmenschen, Lebensperspektive des Bernhardschen Geistesmenschen
im digitalen Zeitalter, die Lage der Poeten im Turbokapitalismus, Zukunft der hohen Literatur, Zukunft
der literarischen Daseinsreflexion