Noah denkt™  -
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Kapitalismus oder soziale Marktwirtschaft?
Offener Brief an Heiner Geissler, erster Entwurf erstellt am 18.01., veröffentlicht am 22.01.09
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Sehr geehrter Herr Geissler,

Da Sie uns bis heute nicht für wert befunden haben, auf unser Schreiben vom 02.12.07 zu antworten, nimmt sich
Noah denkt™ nun die Freiheit, sich auf diese öffentliche Weise an Sie zu wenden. Dabei ist der unmittelbare
Anlass für diese Veröffentlichung  Ihr durchaus hilfreicher Auftritt in der äußerst sehenswerten Sendung
„Maischberger“ („ Marx hatte recht!“) vom 11.11.08, die am 17.01.09 auf 3Sat wiederholt wurde. (Außerdem zu
Gast in dieser Talkshow: Georg Kofler, Günter Wallraff, Prof. Baring und Peter Sodann). Und damit wir Ihre Zeit
diesbezüglich nicht überstrapazieren müssen, haben wir unsere Thesen in einigen Stichpunkten
zusammengefasst. Diese Stichpunkte lauten wie folgt:

  • Es ist richtig, dass es wehtut, wenn das Nokia-Werk in Kamp-Lintfort trotz einer Rendite von 20%
    geschlossen wird, um in einem anderen, rumänischen Standort, eine Rendite von 25% erwirtschaften zu
    können.

  • Es ist auch richtig, dass es schwer zu ertragen ist, wenn ein solides, funktionierendes  Unternehmen wie
    Grohe von einem Hedgefonds aufgekauft, zerschlagen und meist bietend verkauft wird.

  • Ebenfalls haben Sie Recht, wenn Sie darlegen, dass es ein Skandal ist, wenn Erfolg in unserem
    Bildungssystem auf der Art eklatante Weise mit der sozialen Herkunft des Kindes verbunden ist.

  • Und schließlich wird man Ihnen auch zustimmen müssen, wenn Sie darlegen, dass sich die soziale
    Marktwirtschaft in der ersten vier Jahrzehnten der Nachkriegszeit als äußert erfolgreich erwiesen hat, und
    vom aktuellen, monetaristisch geprägten Kapitalismus deutlich zu unterschieden werden muss.

  • Wo Sie aber Unrecht haben ist, wenn Sie in den Raum stellen, dass man diese stark staatlich geprägte
    soziale Marktwirtschaft auch ohne weiteres in Zeiten der Globalisierung weiterführen kann. Denn nach dem
    Fall der Mauer, und dem Eintritt der zuvor durch den Kommunismus abgekapselten Länder haben sich die
    Preise und Bedingungen auf dem Weltmarkt grundlegend geändert. Und so wird die Idee einer sozialen
    Marktwirtschaft erst dann wieder aktuell werden können, wenn die enormen Wohlstands- und
    Einkommensunterschiede, die heute noch zwischen den Volkswirtschaften herrschen etwas angeglichen
    sind, und man in der Tat eine soziale Weltmarktwirtschaft wird durchsetzen können.


  • Dass es aber möglich ist, den Selbstsüchtigen des Finanzkapitalismus noch zu deren Lebzeiten die
    Unterlegenheit ihres Habenwollenzwanges nachweisen zu können, das hat vor allem mit der enorm hohen
    Umlaufgeschwindigkeit zu tun, die den aktuellen Turbokapitalismus kennzeichnet. Denn in diesem medial
    durchdrungenen und auf hoher Abstraktionsebene stattfindenden Superwettbewerb werden Moden, Blasen
    und konventionelle Weisheiten so schnell als solche demaskiert und in ihre Gegenteil verkehrt, dass es
    selbst einem sozial denkenden Kapitalisten Angst und bange werden muss, wenn er an das zukünftige
    Schicksal von Konformisten und Wellenreiter denkt.

  • Wer aber weiterhin den Gierstrategen mit Gesetzen entgegen treten will, den wird man darauf hinweisen
    müssen, dass auch Hedgefonds Investoren haben, die ihrerseits wieder Anleger vorweisen können, die
    sich gerade deshalb in den Giervehikeln engagieren wollen, weil sie selbst von der Gier noch befallen sind.
    Mit anderen Worten, man wird die Gier ebenso wenig verbieten können, wie man es auch verhindern kann,
    dass sich Menschen an Rauschmitteln berauschen und mit Sexualangeboten erregen wollen.

  • Mit anderen Worten, wer versteht, dass man die schwierige Natur des Menschen nur mit der Kraft der
    Einsicht wird zähmen können, der wird auch erkennen können, dass man den Kapital- und Terminmärkten
    nicht gerecht werden kann, wenn man sie einfach nur verteufeln will. Vielmehr ist es notwendig, zu
    begreifen, dass es ohne die Aufteilung des Risikos etwa im Derivatenhandel niemals möglich wäre, ganze
    Volkswirtschaften, wie etwa die Chinas, Indiens oder Russlands in derart kurzer Zeit auf ein solch
    erstaunliches hohes Niveau zu heben. Denn ohne diese Finanzierungsinstrumente würden all die vielen
    Investitionsvorhaben gar nicht finanziert werden können. Und so würde man in diesem Fall auch die
    internationale Armut (sowie die damit verbundene Kriegsgefahr) gar nicht in der jetzt vorhandenen Weise
    minimieren können.

  • In diesem langfristigen Prozess der Angleichung der Lebensstandards auf internationalem Niveau ist es
    leider nicht zu vermeiden, dass die bis dato schon reichen Länder, wie etwa Deutschland, nicht selten das
    Opfer bringen müssen, Arbeitsplätze zu verlieren, weil irgendwo anders statt einer Rendite von 20% eine
    von 25% erwirtschaftet werden kann.

  • Damit es aber einem Hochpreisland wie Deutschland möglich ist, diesen eindimensionalen Preiskrieg
    wenigstens einigermaßen intakt zu überstehen, dazu wird man vor allem das Bildungssystem optimieren,
    das Stände- und Pfründendenken überwinden und sich auch gegenüber den bis dato noch Unbekannten
    und Nichtanerkannten um eine Zugänglichkeit und Aufgeschlossenheit bemühen müssen. Denn hier in
    diesem Nichtanerkannten wird es sein, wo die Talente und Leistungsfähigkeiten verborgen liegen, die uns
    auch morgen noch jene unwiderstehlichen Neuerungen bescheren werden, mit denen sich das Soziale
    unseres Hochpreisstandort finanzieren lässt.

  • Dass es gerade aber mit der Aufgeschlossenheit gegenüber dem Nochnichtanerkannten bei uns nicht gut
    bestellt ist, dass wird man nicht nur an den schlimmen Zahlen der OECD (Stichwort: soziale
    Undurchlässigkeit unseres Bildungssystems) erkennen können, sondern das wird man auch daran ablesen
    können, dass es immer wieder dieselben altbekannten Gesichter sind, die in den Talkshows vertreten sind,
    und dass es diese altbekannten Gesichter auch bei mehrmaliger Ansprache nicht für nötig finden, die
    Korrespondenz eines bis dato Nichtanerkannten wenigstens mit einer Empfangsbestätigung zu
    beantworten.

  • Aber, wer sich ehrlich um die Ehrlichkeit bemüht, der wird auch dann die Hoffnung darauf auf nicht
    aufgeben dürfen, wenn ihn dieselbe an den Rand des Untergangs bringt. Denn zu sehr wird man nur so die
    eigene Glaubensstärke auch demonstrieren können, als dass man sich diese Opferbereitschaft jetzt noch
    wird ersparen können.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen auch weiterhin viel Erfolg und verbleiben hochachtungsvoll,

Ihr Noah denkt™
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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Stichworte:

monetaristisch geprägter Kapitalismus, soziale Marktwirtschaft und Kapitalismus, soziale
Marktwirtschaft und Finanzkapitalimus,
Zähmung des Turbokapitalismus, soziale Marktwirtschaft und
Hedgefonds,
soziale Gerechtigkeit und Finanzkapitalismus