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Erziehungsstile sind das Abbild der sie umgebenden Gesellschaft
Anmerkungen zur Debatte um Amy Chuas Erziehungsthesen, erstellt und veröffentlicht am 18.02.2011
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Das Buch „Die Mutter des Erfolgs“, welches den rigiden, auf Leistung ausgerichteten Erziehungstil einer
erfolgreichen chinesischen Einwanderin in den USA beschreibt, hat auch hierzulande ein rege Diskussion um die
Leistungsstärke des hiesigen Bildungssystems ausgelöst. (Siehe etwa die „Hart aber fair“-Sendung vom
16.02.2011) Die Debatte darűber aber hat unsere Meinung nach noch nicht ausreichend den Zusammenhang
zwischen Gesellschaft und Erziehungsstil herausgearbeitet. Deshalb erlauben wir uns hier die folgenden
Ergänzungen:

  • Die Erziehungsstile eine Gesellschaft reflektieren die Stärken und Schwächen des sie umgebenden
    politischen Systems, bzw. der sie umgebenden politischen Kultur.

Die groβe Gehorsamkeit der Schűler in den Schulen Shanghais hat etwas mit der Diktatur zu tun, in der sie leben.
Denn in einem Land, wo die unumschränkte Oberhoheit der Partei nicht in Frage gestellt wird, da wird auch die
Autorität der von ihr geleiteten Schulen, und der von ihr bestallten Lehrers nicht bestritten. In Deutschland aber,
wo man bewusst, die Schatten des Autoritarismus űberwinden will, wäre es undenkbar, von den Schűlern einen
vergleichbaren Gehorsam zu verlangen, weil selbiger weder von ihren Eltern, noch von den politischen Eliten
űberzeugend vorgelebt wird.

  • Der chinesische Erziehungsstil hat nur ein Ziel, nämlich angepassten Erfolg zu produzieren.

Natűrlich hat die chinesische Diktatur, die nicht an Selbstzerstörungsphantasien leidet,  kein Interesse daran,  
Menschen auszubilden, die die Vernunft des sie umgebenden politischen Systems in Frage stellen. Ihr geht es
vielmehr darum, Menschen heranzuziehen, die die Űberlegenheit des herrschenden Systems untermauern
können. Dass heisst, ihre Beműhungen sind darauf ausgerichtet, leistungsfähige Funktionäre zu produzieren, die
mit groβer Disziplin und dem nötigen Sachverstand dasjenige umsetzen, was andere ihnen vorgeben. Ein solches
System aber funktioniert nur solange, wie man dem Wohlstand anderer hinterher hinkt. Hat man deren Niveau
aber einmal erreicht, und damit auch den Billiglohnstatus verspielt, auf dem man sich bis heute noch ausruhen
kann, dann wird es vor allem die Fähigkeit der Innovation sein, welche dieser Volkswirtschaft den erreichten
Wohlstand sichern kann. Gerade diese Innovationsfähigkeit aber wird nicht von einem Erziehungsstil gefördert,
dem es vor allem um das Erfűllen etablierte Vorgaben geht. Dazu braucht es vielmehr Querdenker, die den Mut
haben, Unerhöhrtes auch dann zu versuchen, wenn es allerlei Evidenzen zu geben scheint, die gegen die
Machbarkeit dieses Unerhöhrten zu sprechen scheinen.

  • Die zum Teil erschreckend schwachen Leistungen deutscher Schűler bei PISA- und ähnlichen Tests sind
    die Folge eines Autoritäts-Chaos, welches in einer Demokratie notgedrungen herrschen muss.

Die deutschen Schűler haben deshalb Rechtschreib-, Mathe- und Wissensschwächen, weil sie Konzentrations-
und Disziplinschwierigkeiten haben. Diese Probleme wiederum haben sie, weil nicht nur ihre Eltern unter einem
ähnlichen Phänomen leiden, sondern unsere gesamte Gesellschaft durch einen Hin und Her der Argumente, der
Sichtweisen, der Interessen und der Möglichkeiten gekennzeichnet ist, welches es den Bewohneren unserer
globalisierten Demokratie kaum noch erlaubt, eine Sache bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Dies kann aber
anders gar nicht sein. Denn, wer die Freiheit einigermassen vernűnftig bewältigen will, der wird sich der
dialektischen Natur seines Denkens, der Komplexität seines vernetzten Lebens, und der Parallelität seiner
Interessen stellen, und jeweils neu entscheiden műssen, was er hier fűr richtig und was er fűr falsch hält. Mit
anderen Worten, das Gefűhl, im Chaos improvisieren zu műssen, gehört bis zu einem gewissen Punkt zur
Grundbefindlichkeit einer reifen Demokratie. Und so kann es denn auch gar nicht anders sein, dass sich bei
unseren Kindern die Unklarheiten darűber, ob man Gebűhr denn nun mit „h“ oder ohne „h“ schreibt, immer weiter
verstärkt.

  • Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft ist durch die chaotische Grundbefindlichkeit des
    modernen demokratischen Daseins nicht gefährdet. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Denn nur dem titanischen Versuch, in diesem Chaos eine bleibende Vernunft zu finden, ist es zu verdanken, dass
unsere Gesellschaft immer wieder die Innovationen schafft, die ihrem Hochpreisstandort auch morgen noch den
Wohlstand erhalten können. Mit andern Worten, wir können beruhigt davon ausgehen, dass unser
Durcheinander immer genug Individuen hervorbringen wird, welche die globale Gemengelage eher als Chance,
denn als Bedrohung verstehen werden. Und so wird es also, aller Vorraussicht nach, immer genug Werteschaffer
geben, die sich im globalen Wettbewerb zu unser aller Vorteil durchsetzen werden.

  • Die Zahl derjenigen, die im Erziehungs- und Marktchaos auf der Strecke bleiben, wird man in dem Maβe
    verringern können, wie es den demokratischen Autoritäten gelingt, ihre eigene Glaubwűrdigkeit zu
    verbessern.

Mit einem autoritäreren Erziehungsstil wird man die Zukunftsaussichten der deutschen Schűlern nicht verbessern
können. Hier wird allenfalls eine gröβere Glaubwűrdigkeit der Autoritäten Abhilfe schaffen. Denn die Bereitschaft
der Kids, sich konzentriert der űberlegenen Erfahrung eines Lehrers zu űberantworten, wird in dem Grade
steigen, wie auch die Gesellschaft insgesamt die analytische Űberlegenheit ihrer eigenen Autoritaten anerkennen
kann. Die Wertschätzung dieser analytischen Űberlegenheit aber muss man sich rechtmässig verdienen.
Und hier
sollte man von den Betreffenden erwarten, dass sie sich ihre Stellung weniger durch einen karrieristischen
Konformismus, sondern durch das mutige Vorleben ihrer eigenen Ideale erarbeiten. Streng bzw. konsequent
műssen also in erster Linie die Vorzeigeerwachsenen mit sich selbst sein.     
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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Stichworte:

Amy Chua, deutsches Bildungssystem, Kritik am deutschen Bildungssystem, chinesischer
Erziehungsstil
, autoritärer Erziehungsstil, Konzentrationsschwierigkeiten in der Schule,
Konzentrationsschwierigkeiten bei Sch
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