Der Abraham-Moment oder warum es einen wahren Philosophen ohne eine Selbstfolter nicht geben
kann
Kommentar über die matyrische Reifeprüfung des wahren Philosophen, erstellt am 07.07.07
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‚Da sprach Gott zu Abraham. „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebhast, den Isaak, und gehe in das Land Morija und
bringe ihn dort auf einem der Berge, den ich dir sagen werde, als Brandopfer dar!’
Abraham stand früh am anderen Morgen auf, sattelte seinen Esel, nahm zwei Knechte mit sich und seinen Sohn Isaak. Nachdem
er Holz zum Brandopfer gespalten hatte, brach er auf und begab sich an den Ort, den ihm Gott gesagt hatte. (…) Als sie an den Ort
kamen, den Gott ihm gesagt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf und band seinen Sohn und legte ihn auf den
Altar, oben auf das Holz. Dann streckte er seine Hand aus, nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten,
Da rief der Engel Jahwes vom Himmel her ihm zu und sprach: „Abraham, Abraham. (…) strecke deine Hand nicht nach dem
Jungen aus und tu ihm nichts zuleide. Denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten
hast. (…) Weil du dies getan hast, und mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten hast, will ich dich reichlich segnen. Ich werde
deine Nachkommenschaft zahlreich machen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Gestade des Meeres; deine
Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde besetzen. Durch deine Nachkommen sollen alle Völker der Erde gesegnet werden, weil
du auf meine Stimme gehört hast.“’ (Genesis, 22, 1 – 18)
Nun wird sich der eine oder andere sicher fragen, was denn diese Schauergeschichte uns heute noch zu sagen
hat. Denn zu archaisch kommt uns dieselbe doch daher, als dass man sich mir ihr noch ohne weiteres wird
beschäftigen wollen. Und doch, so sehr es uns auch als gemeingefährlich und verirrt erscheinen mag, dass hier
einer den eigenen Sohn um Gottes Willen schlachten will, so sehr wird man doch gerade in dieser Sittenwidrigkeit
auch erkennen können, was den wahren Philosophen von seinem vermeintlichen Bruder unterscheidet. Denn zu
sehr wird darin die philosophische Radikalität behandelt doch, als dass man von ihr jetzt nicht auch das
Entsprechende wird lernen können.
Nein, wer hier der Wahrheit die Ehre geben will, der wird am Beispiel Abrahams erkennen können, dass man der
Selbstzerstörung erst ins Auge sehen muss, ehe man den Erfolg des Herrn auch bekommen kann. Und so wird
man sich vor einer reflektierten Suizidalität auch gar nicht so sehr fürchten müssen. Denn zu sehr wird man hier
die eigene Abgründe doch ergründet haben, als dass man daraus jetzt nicht auch die rechten Schlüsse ziehen
kann.
Diejenigen aber, die nicht einmal daran denken wollen, ihr Liebstes für die Vernunft zu opfern, die werden auch
den höchsten Lohn dafür gar nicht erst bekommen können. Denn zu wenig werden sie sich um dessen Willen
gequält nun haben, als dass sie sich an ihrem Erfolg jetzt noch werden erfreuen können.
Da dem aber so ist, wie es ist, und es eine nachhaltige Vernunft ohne diesen Abraham-Moment nicht wird geben
können, da wird man den angehenden Philosophen nur raten können, sich vor demselben nicht länger zu
verstecken. Denn zu sehr werden auch sie gerade hier der Engel Weisheit doch vernehmen können, als dass
man sie zu diesem Grenzgang jetzt nicht auch ermutigen muss.
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