Noah denkt™  -
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Von Goethe und Voltaire bis zu Houellebecq und Bernhard
Ein vom EURO inspirierter deutsch-französischer Literaturvergleich, erster Entwurf erstellt am 04.06., veröffentlicht am 07.06.2013
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Es geht immer noch um Frankreich, und es geht immer noch um den Euro. Und natürlich steht nach wie vor die (sehr deutsche)
Frage im Raum, ob denn die Wesensverwandtschaft zwischen Deutschland und Frankreich groß genug ist, damit die
gemeinsame Währung auf Dauer tragfähig ist. Rekapitulieren wir, was wir diesbezüglich zu wissen glauben.

Man kann wohl sagen,  dass sich das französische Selbstverständnis insbesondere aus fünf historischen Grunderfahrungen
speist:
  • Erstens, dem Erlebnis, Teil des Römischen Reiches gewesen zu sein und so wie selbstverständlich die Werte des
    Selbstvertrauens, der Eleganz und des kulturellen Feinsinns in sich aufgesogen zu haben.  
  • Zweitens, die Erfahrung, quasi von Gott gegeben und daher durchaus wundersam den 100jährigen Krieg gegen England
    siegreich beendet zu haben. So verdichtet sich unter der Gestalt Jeanne d’Arcs der Eindruck ein von Gott auserwähltes Volk
    zu sein. (Siehe dazu auch Alexandre Y Haran, Le Lys et le Globe. Messianisme dynastique et rêve impérial en France aux XVIe et XVIIe
    siècles, Seyssel, 2000 S. 105 - 127)
  • Drittens, das Wissen, in der direkten Nachfolge Karls des Großen zu stehen, und so natürlich eine Führerschaft auf dem
    europäischen Kontinent beanspruchen zu können.
  • Viertens, der Stolz, die Neuzeit in Europa mit der französischen Revolution eingeleitet zu haben; und
  • Fünftens das Trauma, wiederholt der scheinbar unwiderstehlich-brachialen Gewalt des teutonischen Nachbarn und
    Eindringlings ausgesetzt gewesen zu sein.

Dem stehen auf deutscher Seite folgende historischen Grunderfahrungen gegenüber:
  • Erstens, das Wissen, der römischen Kultur zwar in Sachen Feinsinn, Eleganz und Leichtigkeit unterlegen zu sein, sich aber
    dennoch am Ende gegen dieselbe durchgesetzt zu haben.
  • Zweitens, die Erkenntnis, dass man seine Integrität in der Mitte des Kontinents nur dann bewahren kann, wenn man gut
    organisiert, diszipliniert und verlässlich ist.
  • Drittens, das Wissen, den Sprung in die freiheitliche Neuzeit zu spät getan zu haben,
  • Viertens, das Unbehagen darüber, ein für Europa zu großes Deutschland zu sein, und damit nur schwer akzeptiert zu
    werden:
  • Fünftens, die Scham darüber, den Stolz auf die eigene Nation mindestens zweimal skandalös falsch, also nicht
    sozialverträglich, gemanagt zu haben;
  • Sechstens, der Stolz darauf, trotz aller Verwerfungen, stets neu zu einer formidablen Kraft erstanden zu sein.

Wie sehr diese unterschiedliche historische Prägung auch heute noch einem gemeinsamen Währungsmanagement im Wege
steht, das wird man womöglich durch einen Literaturvergleich ermessen können. Immerhin ist es ja
Madame de Staël selbst
gewesen, die uns im zweiten Teil ihrer Arbeit über Deutschland („De l’Allemagne“, 1813) gezeigt hat, wie wichtig die Literatur eines
Volkes ist, um dessen Wesen zu erkennen. Und so wird es also nur legitim sein, wenn wir uns an dieser Stelle des Denkansatzes
von Madame de Staël bedienen, um nun unsererseits eine Wesenentwicklungsstudie zu wagen.  Dabei haben wir uns Interesse
halber nicht nur auf einen deutsch-französischen Vergleich beschränkt, sondern auch die Literatur des angeblich so Finanzmarkt-
kompatibleren anglo-amerikanischen Kulturraums miteinbezogen. (
Victor Hugo!) Natürlich kann man von Noah denkt™ auch in
diesem Falle nicht erwarten, hier eine über jeden Zweifel erhabene, wissenschaftlich Sicht der Dinge zu erstellen. Denn dazu
haben wir uns viel zu sehr auf die Fahnen geschrieben, ganz bewusst aus der Hüfte zu schießen. Und so wird man
mit Heine von
uns also nicht mehr, als den ganz normalen Menschenverstand erwarten können. Schauen wir uns also die Ergebnisse des
Vergleichs der uns bekannten Literatur im Detail an:
Evolution der nationalen Literaturstile und -inhalte im Vergleich
Zeittafel
(n.Geb-Jahr)
Franz. Schriftstellerhelden
Anglo-Amerik.
Schriftstellerhelden
Deutsche Schriftstellerhelden
1620 – 1660
Molière (1622-1673)
John Dryden (1631 – 1700)
Grimmelshausen (1616 – 1664)
Thema
Pfiffige und lustige Kritik bürgerlicher Sitten
Lustige Kritik spätmittelalterlicher
Sitten
1660- 1680
  Daniel Defoe, 1660- 1731
Jonathan Swift 1667 -1745
Johann Gottfried Schnabel
1692-1750
Thema
  Weltinteresse, Experimentierfreude, Abenteuerlust,  
Daseins-Grundlagenstudie
1690- 1720
Voltaire (1694- 1778)
Diderot 1713 - 1784
Lawrence Sterne 1713 - 1768
Christian Gellert  1715 – 1769
Thema
Daseinsatire, pfiffiger Zynismus
1720 - 1760
Rousseau 1712 - 1778
  Lessing 1729 – 1781
Goethe 1749 – 1832
Schiller 1759 – 1805
Thema
Ein bisschen
sozialwissenschaftliche
Romantik
  Klassisches Ideal, Freiheit und
Harmonie
1770-1790
Stendhal 1783 -1842
Balzac 1799 – 1810
Jane Austen 1775 - 1817
August Schlegel 1767-1845
Schleiermacher 1768- 1834
Novalis 1772 – 1801
Friedrich Schlegel 1772-1829
Tieck 1773 - 1853
Thema
Dunkle Beweggründe
menschlichen Handelns
Ebenfalls dunkle Beweggründe
menschlichen Handelns, aber
auch Sehnsüchtige Romantik
bei Byron und Keats und (z.T)
bei Sir Walter Scott
Pantheistische ganzheitliche,
Nationale Romantik
1790-1800
    Heine 1797 – 1856
Gotthelf 1797 – 1854
Börne 1786 - 1837
Thema
    Spätromantischer Drang nach
nationaler Freiheit und Einheit
1800-1820
Victor Hugo 1802 - 1885
Charles Dickens 1812 – 1870
George Eliot  1819- 1880
Georg Büchner 1813 - 1837
Thema
Soziale Kritik an Lebensumständen des Proletariats und der einfachen Handwerker
1820 - 1830
Flaubert 1821-1880
Thackeray 1811-1863
Thomas Hardy 1840 - 1941
Fontane 1819 -1898
Gottfried Keller 1819 – 1890
CF Meyer 1825 - 1898
Thema
Kritik an der sittlichen Enge der alten Ordnung, Befreiung der Frau, Grausamkeit der
Schicksalswendungen
1840 - 1869
Zola 1840 - 1902
Maupassant 1850 - 1893
Henry James 1842 – 1916
Gerhard Hauptmann 1862- 1946
Thema
Kritik am bürgerlichen Werteverlust, Kritik am Verlust der kulturellen Feinheit
1870 - 1900
Marcel Proust 1871 - 1922
James Joyce 1882 – 1941
DH Lawrence 1885 – 1930
Virgina Woolf 1882 - 1941
Thomas Mann 1875 – 1955
Franz Kafka 1883 - 1924
Thema
Entdeckung des individuellen Bewusstseinstiefe, Ringen um individuelles Selbstverständnis
1900 - 1913
Sartre 1905 - 1980
Anouilh 1910 – 1987
Jean Genet 1910 - 1986,
Malraux 1901-1976
William Golding 1911-1993
Malcom Lowrie 1909 - 1957
Evelyn Waugh, 1903 - 1966
Brecht 1898 - 1956
Fallada 1894 - 1947
Thema
Entdeckung und Management des existenzialistischen Zwanges auch und vor allem im Angesicht
sozial-politischer Ungerechtigkeit
1914-1930
Camus 1913- 1960
Romain Gary 1914 - 1980
Samuel Beckett 1906
 
Thema
Umgang mit der harten, Geworfenheit des menschlichen Seins
 
Nach dem Krieg bis
in die Gegenwart
Francoise Sagan 1935-2004
JD Salinger 1919 - 2010
Jack Kerouac 1922 - 1969
Heinrich Böll 1917
Günther Grass 1927
Martin Walser 1927
Thema
Versuch der halbstarken und zartbitteren Befreiung
Aufarbeitung des spezifisch
deutschen Holocaust-Desasters
  Michel Houellebecq 1958 –
Frederic Beigbeder 1965
Charles Bukowski 1920 - 1994
Bret Easton Ellis 1964
Thomas Bernhard 1931 -1989
Feridun Zaimoglu, 1964
Thema
Individuelle Versuche, an der nihilistischen, und chaotischen Massengesellschaft nicht zu verzweifeln
Fazit: Es gibt Divergenzen in der Literaturentwicklung der drei beschriebenen Kulturräume. Diese Divergenzen haben sowohl mit
der Sprache an sich, als auch mit den unterschiedlichen Lebensweisen hüben und drüben zu tun. Denn dort, wo man sich in
Deutschland eher schwerfällig durch die wabernden Nebelschwaden der Kartoffelprovinz schleppt, da findet man in Frankreich
eine eher urban geprägte Feinheit und Leichtigkeit im Ausdruck, die schon wegen der sprachlichen Süffisanz einen lichten
Eindruck macht. Natürlich drückt sich in alle dem auch eine andere Art der Selbstverständlichkeit des Daseins aus. Denn das
deutsche Ringen, überhaupt erstmal eine Selbstverständlichkeit zu finden,  ist sowohl auf der anderen Seite des Kanals als auch
jenseits des Rheins nur schwer nachzuvollziehen. Und dennoch wird man nicht verhehlen können, dass bei allen Unterschieden
im Daseinsbegriff die Themen der Auseinandersetzung zunehmend parallel laufen. Denn nun sind die Herausforderungen, die
sich den Menschen all überall stellen, globaler Natur. Und so macht es denn auch einen stets geringeren Unterschied, ob man
sich mit diesen Inhalten aus der Perspektive des sonnen durchfluteten Paris, oder aus der, einer deutsch-österreichischen
Mittelstadt stellt. Nein, die Hoffung bleibt,
dass aus der gegenseitigen Befruchtung und Vermischung eine gemeinsame Identität
entsteht, die klar, spritzig und tief zugleich das Eine mit dem Anderen verbinden kann.
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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