Noah denkt™  -
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Heinrich Heine und die Zukunft des Euros
Dialog mit dem Alter Ego über die währungspolitische Bedeutung der poetischen Mentalitätsanalysen Heinrich
Heines, erster Entwurf erstellt am 05.04.13 veröffentlicht am 07.04.13
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Diesseits und jenseits des Rheins
Von Heinrich Heine   (1851)

Sanftes Rasen, wildes Kosen,
Tändeln mit den glühnden Rosen,
Holde Lüge, süßer Dunst,
Die Veredlung roher Brunst,
Kurz, der Liebe heitre Kunst -
Da seid Meister ihr, Franzosen!

Aber wir verstehn uns baß,
Wir Germanen, auf den Haß.
Aus Gemütes Tiefen quillt er,
Deutscher Haß! Doch riesig schwillt er,
Und mit seinem Gifte füllt er
Schier das Heidelberger Faß.
Nachtgedanken (Auszug)
Von Heinrich Heine (1843)

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen
schließen,
Und meine heißen Thränen fließen.
(...)
Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der
Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.
Frage vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Wir haben uns zuletzt ein wenig mit dem Werk von Heinrich Heine
beschäftigt. Insbesondere seine Studien zum
Mentalitätsunterschied zwischen Deutschland und Frankreich
scheinen uns für die Zukunft des EUROs durchaus relevant zu sein. Immerhin gehen ja die Verfechter des
EUROs,
zu denen auch unser Noah denkt™-Projekt gehört, davon aus, dass die gemeinsame Währung deshalb
überleben wird, weil sich die wirtschaftspolitischen Vorstellungen in den EURO-Ländern mit der Zeit weiter
angleichen, und so die Produktivitätsunterschiede hüben und drüben nivelliert werden können. Unser
wunderbarer Poet Heinrich Heine aber, der 1797 in Düsseldorf geboren wurde, und die letzten 25 Jahre seines
Lebens in Frankreich verbracht hat, würde dem wohl nur schwer zustimmen können. Denn zu groß und
althergebracht sind doch seiner Meinung nach die Kulturunterschiede, welche die beiden Schwergewichte im
EURO-Raums kennzeichnen, als dass man diese jetzt noch ohne weiteres aus dem Weg würde räumen können.

Antwort von Noah denkt™ (Nd): Es stimmt, die Analysen von Heine, welche ja die angesprochenen
Mentalitätsunterscheide schon auf der Ebene der mittelalterlichen Volks- und Heldensagen nachweisen
(siehe
Fußnote *)
, sind im Hinblick auf die Zukunft des EUROs durchaus Ernst zu nehmen. Denn ohne Zweifel wird man
auch heute noch behaupten können, dass es zwischen Deutschland ein beträchtliches Rigiditäts- und
Schwermutsgefälle gibt. Dennoch meinen wir, dass es auch im Sinne Heines wäre, sich vom EURO die allmähliche
Nivellierung dieses Daseinsempfindens zu versprechen.

AE: Wieso das?

Nd: Na, ja, Heine ist es doch schlussendlich auch darum gegangen, eine Verständnis- und Ausgleichsbrücke
zwischen Diesseits und Jenseits des Rheins zu schlagen. Immerhin ist er doch fest davon überzeugt gewesen,
dass es möglich ist, die universalen Ideen der französischen Revolution nach Deutschland zu exportieren, so wie
er auch fest daran geglaubt hat, dass man den Franzosen die „weltwichtige“
(siehe Fußnote **)  deutsche
Philosophie nahebringen muss. Ja, es kann keinen Zweifel daran geben, dass Heine ein Anhänger des
Fortschrittsglaubens war, und dass er für uns alle eine Lebenswirklichkeit vorhersah, in der die Menschen
universal frei, und in universaler Harmonie mit sich, ihrer Sinnlichkeit und den Anforderungen des Verstandes
leben würden.
(siehe Fußnote ***) Mit anderen Worten, nichts von dem, was Heine richtigerweise als lang tradierte
Mentalitätsunterschiede im deutsch-französischen Verhältnis beschreibt, hält er selbst für unüberwindbar.

AE: Aber was hat der EURO mit Heines ausbalanciertem Verstandes- und Sinnlichkeitsparadies zu tun, dem Noah
denkt™ im Übrigen ja schon
wegen seiner eigenen Nähe zum kantischen Pflichtgedanken skeptisch gegenüber
stehen muss?

Nd: Nun was spricht dagegen, das der EURO eine von jenen „politischen Institutionen“ ist
(siehe Fußnote ***), die
Heine als Voraussetzung zur Glückseligkeit empfunden hat?

AE: Na,ja die aktuelle Realität des EUROs ist allerdings keineswegs Harmonie stiftend. Stattdessen sehen wir,
dass der schwermütige, in den Tiefen von Gemüt und Existenz wabernde deutsche Geist, auf eine fiskalpolitische
Strenge setzt, die vom leichtfüßig-heiteren, sonnendurchfluteten Süden nur als empörendes teutonisches Diktat
empfunden wird. Wie kann man da im EURO noch ein angemessenes Fortschrittsinstrument erkennen?

Nd: Man kann den EURO deshalb in diesem Sinne sehen, weil ja auch Heines universale Zukunftshoffnung nicht
ohne die Hinnahme schmerzlicher, revolutionsartiger Umwälzungen auskam.

AE: Mit anderen Worten, der EURO mutiert jetzt zu einem revolutionären Versatzstück, das die letzte Lücke im
deutsch-französischen Mißverhältnis schliessen soll?

Nd: Na, ob es die letzte Lücke ist, die hier geschlossen wird, das wollen wir dahin gestellt lassen. Dass es aber ein
wichtige Lücke ist, die vom EURO gerade wegen der starken Vernunftgründe, die für ihn sprechen, geschlossen
wird, das steht für uns außer Frage.

AE: Bleibt also nur noch der Hinweis, dass die von Heine für Deutschland ersehnte Revolution, wenn überhaupt,
erst viel, viel später kam, als er das selbst wohl gemeint hat. Was gibt Noah denkt™ also die Gewissheit, dass es
mit der EURO-Angleichung nicht ähnlich lange dauern wird?

Nd: Es ist der Druck der wirtschaftlichen Realität, die der Weltmarkt ausübt, der uns optimistisch stimmt.

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Fußnote *: Siehe Heinrich Heine, Sobre la historia de la religión y la filosofía en Alemania, Allianza Editorial, Madrid, 2008, Seite 60

Fußnote ** : „Die Fürsten, welche die Reformation annahmen, haben diese Denkfreiheit legitimisiert, und eine wichtige, weltwichtige
Blüte derselben ist die deutsche Philosophie.
Zitat aus Heinrich Heine: “ Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Erstes Buch“ ,
siehe: http://www.zeno.
org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Essays+I%
3A+Über+Deutschland/Zur+Geschichte+der+Religion+und+Philosophie+in+Deutschland/Erstes+Buch oder, in der uns
vorliegenden Ausgabe: Sobre la historia de la religión y la filosofía en Alemania a.a.O., Seite 87

Fußnote ***: „„Diese Weltansicht, die eigentliche Idee des Christentums, hatte sich, unglaublich schnell, über das ganze römische
Reich verbreitet, wie eine ansteckende Krankheit, das ganze Mittelalter hindurch dauerten die Leiden, manchmal Fieberwut,
manchmal Abspannung, und wir Modernen fühlen noch immer Krämpfe und Schwäche in den Gliedern. Ist auch mancher von uns
schon genesen, so kann er doch der allgemeinen Lazarettluft nicht entrinnen, und er fühlt sich unglücklich als der einzig Gesunde
unter lauter Siechen. Einst, wenn die Menschheit ihre völlige Gesundheit wiedererlangt, wenn der Friede zwischen Leib und Seele
wiederhergestellt und sie wieder in ursprünglicher Harmonie sich durchdringen, dann wird man den künstlichen Hader, den das
Christentum zwischen beiden gestiftet, kaum begreifen können. Die glücklichern und schöneren Generationen, die, gezeugt durch
freie Wahlumarmung, in einer Religion der Freude emporblühen, werden wehmütig lächeln über ihre armen Vorfahren, die sich
aller Genüsse dieser schönen Erde trübsinnig enthielten und, durch Abtötung der warmen farbigen Sinnlichkeit, fast zu kalten
Gespenstern verblichen sind! Ja, ich sage es bestimmt, unsere Nachkommen werden schöner und glücklicher sein als wir. Denn
ich glaube an den Fortschritt, ich glaube, die Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt, und ich hege also eine größere Meinung
von der Gottheit als jene frommen Leute, die da wähnen, er habe den Menschen nur zum Leiden erschaffen. Schon hier auf Erden
möchte ich, durch die Segnungen freier politischer und industrieller Institutionen, jene Seligkeit etablieren, die, nach der Meinung
der Frommen, erst am Jüngsten Tage, im Himmel, stattfinden soll. Jenes ist vielleicht ebenso wie dieses eine törichte Hoffnung, und
es gibt keine Auferstehung der Menschheit, weder im politisch-moralischen noch im apostolisch-katholischen Sinne.“
Zitat aus: Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Erstes Buch, siehe:
http://www.zeno.
org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Essays+I%
3A+Über+Deutschland/Zur+Geschichte+der+Religion+und+Philosophie+in+Deutschland/Erstes+Buch) oder
in der uns vorliegenden Buchausgabe: Sobre la historia de la religión y la filosofía en Alemania, a.a.O., Seite 58
© Landei Selbstverlag, Inh. Wilhelm Leonards, Gerolstein

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"„Große deutsche Philosophen, die etwa zufällig einen Blick in diese Blätter [bzw. in diese Webseite, Anmerkung des
Verfassers] werfen, werden vornehm die Achseln zucken über den dürftigen Zuschnitt alles dessen, was ich hier vorbringe.
Aber sie mögen gefälligst bedenken, daß das wenige, was ich sage, ganz klar und deutlich ausgedrückt ist, während ihre
eignen Werke zwar sehr gründlich, unermeßbar gründlich, sehr tiefsinnig, stupend tiefsinnig, aber ebenso unverständlich sind.
(...)  Ich glaube, es ist nicht Talentlosigkeit, was die meisten deutschen Gelehrten davon abhält, über Religion und Philosophie
sich populär auszusprechen. Ich glaube, es ist Scheu vor den Resultaten ihres eigenen Denkens, die sie nicht wagen, dem
Volke mitzuteilen. Ich, ich habe nicht diese Scheu, denn ich bin kein Gelehrter, ich selber bin Volk. Ich bin kein Gelehrter, ich
gehöre nicht zu den siebenhundert Weisen Deutschlands. Ich stehe mit dem großen Haufen vor den Pforten ihrer Weisheit, und
ist da irgendeine Wahrheit durchgeschlüpft und ist diese Wahrheit bis zu mir gelangt, dann ist sie weit genug: – ich schreibe
sie mit hübschen Buchstaben auf Papier und gebe sie dem Setzer; der setzt sie in Blei und gibt sie dem Drucker; dieser druckt
sie, und sie gehört dann der ganzen Welt."****
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**** Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, in: Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden.
Herausgegeben von Hans Kaufmann, 2. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau, 1972. oder
in der uns vorliegenden Buchausgabe: Heinrich Heine, Sobre la historia de la religión y la filosofía en Alemania, Allianza Editorial, Madrid, 2008, Seite
52
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